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Risiko-Vermeidungsmaschinen

Gestern Morgen bin ich an einer exklusiven Adresse in der Wiener Innenstadt zum Frühstück eingeladen gewesen. In kleiner Runde trafen sich Expertinnen und Experten aus allen möglichen Berufsgruppen, um über die Zukunft der Märkte und notwendige Innovationen mit einem einhergehenden Veränderungsdruck zu philosophieren und zu diskutieren. Ein deutscher Experte für Customer-Relationship-Management war in die österreichische Bundeshauptstadt angereist, um den Gästen seine Impulse und Zukunftsprognosen über die Marktplätze der kommenden Jahre zu liefern. Viele mir bekannte Aussagen waren dabei, einige neue Sichtweisen ebenso und ein paar abschließende Bemerkungen, die mich dazu veranlassen, ein paar Gedanken zu notieren.

Der in der Nähe von München lebende Spezialist für Innovation forderte die Frühstücksteilnehmer sinngemäß auf „Schauen sie mal aus dem Fenster raus, sie leben hier mitten im Reichtum. Und weil es uns immer noch zu gut geht, passieren in vielen Bereichen notwendige Veränderungen nicht!” Trotz Rekordarbeitslosigkeit, Flüchtlingskrise und sozialer Spannungen haben unsere Eltern und Großeltern nach den Wirren des 2. Weltkrieges ein Land aufgebaut, das schlicht und einfach reich und vermögend an Werten ist. Auch das muss manchmal ausdrücklich betont werden, denke ich mir im Nachklang des Gesagten und des Gehörten. So viele unsere Heimat umschreibende Begrifflichkeiten sind in vielen Ländern dieser Welt keineswegs selbstverständlich. Und wenn man ein paar andere Orte, Städte und Regionen auf unserer Erde kennt, dann wird einem schnell klar, dass viele uns umgebende Standards – von der Sicherheit bis zur Kultur, von einer intakten Umwelt bis hin zu einem noch immer funktionierenden Sozialstaat – in keinster Weise selbstredend sind. Nur vergegenwärtigen wir uns diesen Umstand viel zu selten und begreifen diesen mutmaßlich kaum wirklich als Privileg!

Eine der zentralen Aussagen des Referenten lautete „Warum müssen die Krisen erst immer besonders groß werden, bevor die Menschen bereit sind, notwendige Reformen einzuleiten?“. Eine durchaus provokante Frage, die ich ebenso regelmäßig bei meinen Vorträgen in den Raum stelle und mit meinem Publikum diskutiere. Es gibt dann mehr oder weniger ergiebige Beiträge, aber am Ende, sozusagen „off records”, erzählen mir immer wieder Vorstände, Geschäftsführer, Menschen in Leitungsposition, dass sie selbstverständlich ebenso erkennen, dass es einen nahezu unausweichlichen Druck gibt, den Status Quo zu ändern. Aber neue Wege zu beschreiten berge das fatale Risiko in sich, zu scheitern. Und wer auf die Nase falle, der könne im Normalfall seinen Hut packen, da die  Kultur der 2. Chance eigentlich nur in der Theorie gelebt werde. Eine Umschreibung für Verantwortungsträger in Unternehmen bleibt mir vom heutigen Expertendialog ganz besonders im Gedächtnis. Die gegenwärtigen Strukturen würden dazu führen, dass es „immer weniger Entscheider sondern immer mehr Risikovermeidungsmaschinen” in den Unternehmungen gäbe. Die Menschen werden an eine Unternehmens(un)kultur herangeführt, die ihnen schlichtweg Angst davor macht, Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Eine Erfahrung, die ich in meinem beruflichen Umfeld immer häufiger mache, und genau diesem Umstand müsste dezidiert Einhalt geboten werden! Wir brauchen neben jenen Menschen, die Systeme erhalten, eine ebenso große Anzahl von Leuten in allen Unternehmenshierarchien, die sich aus jenen Zwängen und Korsetten befreien, welche uns am Beschreiten neuer Wege hindern. Vielleicht müssen wir unser immer engermaschigeres Regelwerk an Vorschriften, Verordnungen und Gesetzen wiederum durchbrechen und neu gestalten, um den aufgebauten Wohlstand in einem der besten Länder der Welt verteidigen zu können – und um so auch die Zukunftschancen im internationalen Wettbewerb zu wahren!

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Comments 20

  1. Karl-Heinz Leiss

    Nichts zeigt die selbst gewählten Grenzen des Denkens und Handelns der Europäer (und nicht nur dieser) im 21. Jahrhundert besser, als diese Entscheidungs-Unwilligkeit. Sie hat ihre Wurzeln meiner Meinung nach in der Art und Weise, wie Mensch von klein auf abgewöhnt worden ist, (selbst) Verantwortung (für sich) zu übernehmen. Überhaupt wenn es dabei um eine unbekannte Zukunft geht. Das alles blockiert den Menschen des 21. Jahrhunderts, lässt ihn ängstlich an Gewohntem fest- und sein persönliches Risiko möglichst klein halten.
    Erkennbar ist das für mich sehr gut daran, wie Europa derzeit auf die Herausforderung reagiert, dass hunderttausdende Menschen, welche nichts mehr zu verlieren haben, als ihr Leben und die Zukunft ihrer Kinder, in jene Länder strömen, in denen sie das Paradies vermuten. Den immer schon bestehenden Zäunen in den Köpfen wollen viele Europäer nun Zäune um ihre Länder folgen lassen, in der Hoffnung, sich so weiter auf den ihnen gewohnten (toten) Geleisen innerhalb ihrer gewohnten Grenzen bewegen zu können. Das gilt für die Einzelnen genau so, wie für die meisten von ihnen gewählten Regierungen, die dabei sind, sich vom evolutionären Weg eines vereinten Europa zu verabschieden.
    Dieses Klima der Einkapselung, des nicht Entscheidens, des nicht Wahrnehmens der eigenen Verantwortung sowie der daraus entstehenden Angst vor Veränderung lässt den Wunsch nach Jenen immer größer werden, die den Ängstlichen versprechen, ihnen dieses alles abzunehmen, damit sie sich hinter ihnen verstecken können. Und selbst, wenn sich diese „Retter“ im Nachhinein dann als das größere Übel herausstellen, gibt es immer noch die Möglichkeit, diesen die Verantwortung für das Scheitern zuzuschieben.

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