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Handschellen für Alice Schwarzer!

In der griechischen Antike  war das Scherbengericht ein Verfahren, um unliebsame oder zu mächtige Bürger aus dem politischen Leben der Stadt zu entfernen. Die Teilnehmer ritzten in die Scherben die Namen derer ein, die ihnen ein Dorn im Auge waren. Nach der Wahl wurde die meistgenannte Person für zehn Jahre verbannt. Irgendwie scheint die Methode der öffentlichen Diskreditierung gerade eine Renaissance zu erleben. Nach dem umtriebigen Aufdecker Julian Assange und dem Wetterfrosch Jörg Kachelmann (der mit den Lausemädchen) musste  sich gestern auch der ehemalige IWF-Boss Dominique Strauss Kahn ob seiner unkontrollierten Leibesmitte vor einem Gericht verantworten. Und weil das Ganze in den USA stattfand – Strauss Kahn wurde einem Haftrichter in Manhattan vorgeführt – musste der Angeklagte standesgemäß in Handschellen auftreten. Perp Walk nennt man im Milieu von Polizei und Gerichtsreportern diesen ritualhaften öffentlichen Gang des Festgenommenen von der Zelle zum Haftrichter. There´s no business like Showbusiness? Oder wozu diese befremdliche Inszenierung? Von der persönlichen Demütigung des Angeklagten einmal ganz abgesehen, wird das  hohe juristische Prinzip der Unschuldsvermutung mit Bildern wie diesen systematisch untergraben. In dubio pro reo? Von wegen. Die Performance stempelt den Vorgeführten öffentlich ab, die bildgeilen Medien erledigen den Rest. So schnell ist eine Existenz zerstört.

Ich möchte klarstellen: Ich verabscheue Gewalt in jedweder Form. Wenn Kachelmann seine Freundinnen misshandelt hat, dann ist das aufs härteste zu verurteilen! Aber das Gericht hat ihn aufgrund der Faktenlage für unschuldig erklärt. Der Mann ist frei und hat doch alles verloren.  Alice Schwarzer, die für Geld offenbar alles macht, hat ihr übriges dazu getan. Die Tatsache, dass sie selbst nicht in nennenswertem Umfang am Prozess teilgenommen hat, hinderte sie nicht daran, in der Bild Stimmung gegen den Angeklagten zu machen und blindlings Partei für die Exgeliebte zu ergreifen. Mag sein, dass Frau Schwarzer in den 70 und 80er Jahren gesellschaftliche Denkkrusten aufgebrochen hat. Heute wirkt sie nur mehr wie ein Fossil, eine armselige Karikatur ihrer selbst. Welche moderne Frau möchte jemanden als Sprachrohr haben, der auf seiner Website schreibt: „Frauen sind immer noch bereit, Männern zu glauben. Das ist doch rührend, oder?“ Das ist unzeitgemäß und dumm. Die Frau hat offenbar nicht verstanden dass Rechtsprechung – Gott sei Dank – nicht wie im Blockbuster funktioniert. Es tut nichts zur Sache, ob ihr der promiskuitive Lebenswandel von Kachelmann nicht passt. Ebenso wenig, ob er während des Prozesses heiratet. Das ist seine Privatsache. Wer nicht Fakten von Befindlichkeiten trennen kann, der hat sich nicht nur als Frauenrechtlerin, sondern vor allem als Journalistin selbst disqualifiziert.

Auch bei Dominique Strauss-Kahn hat die Klärung der Schuldfrage keinerlei Relevanz mehr. Es ist egal, ob man ihm eine Venusfalle unterjubelte oder er sich tatsächlich der Vergewaltigung schuldig gemacht hat. Der Mann ist ruiniert. Und auch wenn mir Karl Heinz Grasser gleichgültiger nicht sein könnte: Dafür, was da im Zuge seiner Hausdurchsuchung abgelaufen ist, gibt es keinerlei Rechtfertigung. Es gibt kein Argument dafür, dass man aus einer offensichtlich notwendigen Handlung ein Medienereignis macht. Nicht in einem Rechtsstaat. Diese mediale Willkür, diese Vorverurteilung der Öffentlichkeit sind unerträglich. Wie soll mit solch einem Trommelfeuer noch irgendeine Objektivität gewahrt bleiben? Nicht, dass er mir sonderlich sympathisch wäre, aber ich verstehe, dass KHG die Republik klagt. Man muss den Behörden einfach deutlich ihre Grenzen aufzeigen. Und Medien, die sich nicht an journalistische Grundregeln halten sanktionieren. Informationspflicht hin oder her. Das Bittere daran: Schuldig oder nicht. Die Betroffenen stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Die Schmierblätter freuen sich über steigende Auflagen. Und Alice Schwarzer wird mit ihrem Buch zum Prozess vermutlich einen Bestseller landen. Recht ist eben selten Gerechtigkeit.

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