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Sorge dich um dich!

Biografien haben es mir schon immer angetan. Ich mag es, die Vita von Menschen nachlesen zu können, egal ob berühmt oder eher unbekannt. Aber die in derlei Büchern zu gewinnende Erkenntnis von Eigenschaften, Charakterzügen und dem Wesen einer Person lässt viele Momente und Facetten eines Lebenslaufes in einem ganz besonderen Licht erscheinen. Gerade erfreue ich mich an dem Buch “Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten”, einem wahren Fundus an persönlichen Geschichten und so mancher Anekdote. Der Autor Wulf Dorn hat darin “125 der unterhaltsamsten, inspirierendsten und ungewöhnlichsten Briefe der Weltgeschichte” zusammengetragen. “Dieses Buch unterscheidet sich von allen anderen Briefsammlungen. Es gibt ja Anthologien von Liebes- oder Abschiedsbriefen, es gibt Briefwechsel Prominenter, thematische Sammlungen. Die „Letters of Note“ aber haben keine Klammer außer der Originalität. Jeder Brief steht für sich, jeder lässt staunen über den Menschen und seine Fähigkeiten zur Kommunikation”, bringt die Berliner Zeitung die besondere Eleganz und Note dieses Machwerks auf den Punkt.

In den letzten Tagen hätte ich das im November des letzten Jahres erschienene Buch am liebsten aufgesogen, so begeistert war ich von den einzelnen Beiträgen. Ein Brief des US-amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald hat es mir besonders angetan. Darin schreibt der Bestsellerautor von “Der große Gatsby”, dessen Roman den bedeutendsten Werken der amerikanischen Moderne zugeordnet wird, an seine damals elfjährige Tochter Scottie. Er beginnt das Schreiben mit “Meine Süße”, um gleich im ersten Satz eine seiner Weisheiten der jungen Dame, die sich gerade auf einem Ferienlager befindet, mitzuteilen. “Mir liegt sehr daran, dass Du Deine Pflichten erfüllst”, formuliert er sein Grundverständnis. Neben weiteren Anleitungen zur Meisterung des Lebens folgen am Ende ein paar praktische Ratschläge für sein geliebtes “Dummerchen”. Einer im Retrospect nicht ganz glücklich gewählten Bezeichnung für seine Tochter aus dem Jahr 1933, die heute, im 21. Jahrhundert angekommen, viele Sprachwächter in Atemnot versetzen würde.

“Daddy”, listet seinem Kind wichtige und unwichtige Dinge auf. Verhaltensweisen, um die sie sich bemühen sollte, oder auch nicht: “Sorge Dich um Mut, Sorge Dich um Reinlichkeit, Sorge Dich um Tüchtigkeit”, steht da unter anderem zu lesen. “Sorge Dich nicht um die öffentliche Meinung, Sorge Dich nicht um die Vergangenheit, Sorge Dich nicht um die Zukunft, Sorge Dich nicht um Niederlagen, Sorge Dich nicht um Menschen, die Dich überflügeln, Sorge Dich nicht um Enttäuschungen”, lauten einige weitere Wegweiser für das Leben. Um dann noch einige wesentliche Fragen seiner “Süßen” als Denkaufgabe mitzugeben: “Wie gut bin ich wirklich im Vergleich zu meinen Kameraden bezüglich: (a) Gelehrsamkeit, (b) Verstehe ich wirklich die Menschen, und kann ich mit ihnen zurechtkommen? (c) Versuche ich, meinen Körper zu einem nützlichen Instrument zu machen, oder vernachlässige ich ihn?” Auch wenn die eine oder andere Frage im Kontext der heutigen Zeit schon nahezu antiquiert anmutet, so ist und bleibt die Vermittlung von Werten und Orientierung im Leben eine grundlegende pädagogische Verantwortung von Eltern, Lehrern und Erziehungsberechtigten gegenüber heranwachsenden Kindern, die ebenso ein Recht auf Freiheit wie auf Grenzen haben. Denn es wäre schlichtweg eine Überforderung, sich als Kind in einer unübersichtlichen Welt ohne Orientierungshilfen zurechtzufinden. Der renommierte Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge formulierte dazu: „Kinder brauchen Orientierung und Rituale, wobei ein partnerschaftliches Miteinander und Autorität überhaupt kein Widerspruch sein müssen.“ Uns Eltern könnte diese einfache Leitformel als Wegweiser und Ermutigung dazu dienen, unsere Kinder – neben vielen anderen Aspekten – auch auf die respektvolle Sorge um sich selbst und ihre (moralischen) Ankerpunkte im Leben vorzubereiten.

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