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Kurzzeitschläfer

“Wer schläft, kehrt der Welt den Rücken zu”, habe ich einmal gelesen. Und da einem die Welt in dieser Zeit nicht in den Rücken fallen kann, darf man sich nicht wundern, wenn das Leben vorbeizieht und einem mitunter spannende Informationen vorenthalten bleiben. Diese Metapher mangelnder Neugier kam mir in den Sinn, als ich von Kim Jong uns Verteidigungsminister Hyon Yong Chol gelesen habe, der bei einer relevanten Veranstaltung eingeschlafen sein soll. Der Blade aus Pjöngjang war darauf hin derart erzürnt, dass er kurzerhand seinen ranghohen Minister wegen „Untreue und Respektlosigkeit“ zum Tode verurteilen ließ. Standesgemäß wurde die Exekution mit Flakfeuer vollzogen, eine Methode, die in Nordkorea nur hochrangigen Regierungsvertretern vorbehalten ist, wenn man den Überlieferungen des dortigen Geheimdienstes vertrauen kann. Dass das “Diktatorbubi” eine geringe Reizschwelle hat und wegen jeder Kleinigkeit auszuckt, ist mittlerweile mehrfach dokumentiert. Die von ihm gewählten Formen, um sich seiner Widersacher zu entledigen, klingen teilweise so irreal, dass man der Meinung verfallen könnte, es handle sich um eine Realsatire, wenn der Hintergrund nicht so erschütternd und zutiefst verachtenswert wäre. Ob Nordkoreas Staatschef, bei dem man nicht so genau weiß, wann er das Licht der Welt erblickt hat, die Schulzeit in Europa, genauer gesagt in der Schweiz, so werden hat lassen, ist nicht überliefert. Aber vielleicht hat er in der Freizeit zu viele Hollywoodproduktionen mit Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger gesehen und konnte irgendwann nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Ein Kompetenzdefizit im Urteilsvermögen, von dem auch in unseren Breiten immer mehr Menschen befallen sein sollen.

Sind fehlende Lerninhalte daran schuld, dass sich der spätere „Oberste Führer“ der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) während seiner Studienzeit in der Eidgenossenschaft dem Schöngeistigen eher abgewandt hat? Es wäre zumindest denkbar, dass das kurze Nickerchen seines nunmehrigen Ex-Ministers eine ganz andere Wertung durch den verhaltensauffälligen Diktator erfahren hätte können, wenn dieser in ausreichender Form mit einer Welt der Liebe und Weisheit in Berührung gekommen wäre. Von Aristoteles, dem Propagandisten der Muße wird erzählt, dass er ein Kurzzeitschläfer gewesen sei, da das eine der unerlässlichen Bedingungen war, um die Fähigkeit zu entwickeln, schöpferisch zu denken. Will heißen, manchmal die Pausetaste zu drücken, bewusst innezuhalten, könnte die Qualität der Denkleistung um einiges steigern und die produzierten Überlegungen in bessere und innovativere Ergebnisse verwandeln. Und da scheint es ja in Nordkorea einiges an Optimierungsbedarf hin zu einem menschenwürdigen Leben zu geben, wenn man nicht den gleichgeschalteten Medien des Landes Glauben schenkt, sondern internationalen Beobachtern. Eine Aussprache zwischen Kim Jong Un und seinem “Schläfer” hat es vermutlich nicht mehr gegeben, bevor sich das für seine wenig etablierten Menschrechtsstandards bekannte System mit einer Kanone des Spatzes entledigt hat. Niemand wird es je erfahren, ob der vor seinem unfreiwilligen Tod zum engsten Kreis des jüngsten Staatschefs der Welt zählende Politiker, nach der verkannten Phase der schöpferischen Ruhe, nicht eventuell eine ultimative Idee für seinen geliebten Führer gehabt hätte. Eine offene Frage, die nicht mehr beantwortet werden kann. Die beschleunigte Welt unserer Zeit will nicht verstehen, dass es erst eine Unterbrechung des Gewöhnlichen benötigt, um nochmals auf Aristoteles zu verweisen, damit die Muße Raum bekommt und somit Platz für Kontemplation. Um Neues entstehen zu lassen, bedarf es eines hohen Maßes an zeitlicher Verschwendung für das “Variieren, Probieren, Changieren”. Das schlichte Umherschweifen ohne Raum und Zeit und ohne Angabe von Zielen, kann uns von ausgetrampelten Pfaden loslösen und neue Wege beschreiten lassen. Eine Erkenntnis, die nicht nur dem fern jeglicher Realität lebenden und offensichtlich umnachteten Herrscher dieses Unrechtsstaates in Ostasien zur Erhellung führen könnte.

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