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Kriegsverzicht

Es gibt einige wenige Persönlichkeiten die in meiner umfangreichen Bibliothek wahrlich auf einem Podest stehen. Eine Frau, auf deren Rat und Weisheit, im bildlichen Sinne gesprochen, ich nie verzichten werde, ist die ehemalige Chefredakteurin und Mitherausgeberin der deutschen Wochenzeitung “Die Zeit”, Marion Gräfin Dönhoff. Sie hat sich in den Geschichtsbüchern mitunter schon deshalb einen unverrückbaren Platz erobert, da sie Zeit ihres Lebens viele Debatten mit einem wohl überlegten geistigen Substrat bereicherte. Beliebige und unreflektierte Phrasendrescherei waren ihr zuwider – eine wirkungsvolle Grundhaltung, damals wie heute, um sich journalistisch abzuheben. Da könnten Frau und Mann gleichermaßen von der 2002 in Rheinland-Pfalz verstorbenen Publizistin lernen. Heute morgen auf der Suche nach dem Sinn, habe ich vor meinem Bücherregal gestanden und Ausschau gehalten nach mir guttuendem Lesestoff. In die Hand gefallen ist mir dabei ein von Diogenesherausgegebener Sammelband mit Texten von Gräfin Dönhoff aus mehreren Jahrzehnten, der unter dem Titel Zeichen Ihrer Zeiterst nach dem Tod der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels veröffentlicht wurde.

Würden nicht sämtliche Texte mit einem Datum gekennzeichnet sein, könnte man meinen, dass sie dieser Tage niedergeschrieben wurden, von solch großer Aktualität lesen sich ihre Abhandlungen. Gleich auf den ersten Seiten des Buches bin ich auf eine interessante Geschichte mit dem Titel “Ein Novum in der staatsrechtlichen Weltgeschichte” gestoßen, datiert vom 28. November 1946 (!). Darin setzt sich die Zeit ihres Lebens engagierte Kämpferin für eine bessere Welt mit der Frage auseinander, ob Frieden verordnet werden kann. Japan hatte gerade den Artikel 9 in seiner Verfassung verankert, die Kaiser Hirohito verkündete: “Es wird grundsätzlich und für alle Zeiten darauf verzichtet, Krieg zu führen oder Drohungen und Gewalt anzuwenden, um Streitigkeiten mit anderen Nationen beizulegen. Die Unterhaltung von Land-, See- und Luftstreitkräften wie auch eines technischen Kriegspotentials wird niemals zugelassen werden.”

“Pourvu que ça dure” – Mal seh’n, wie lange es hält, um einen berühmten Ausspruch von Napoleons Mutter zu gebrauchen, dachten sich zum damaligen Zeitpunkt viele Beobachter und Kommentatoren. In politischen Debatten unangetastet blieb der Artikel 9 der japanischen Verfassung bis zu Jahresbeginn. Mit 2014 hat der amtierende Premierminister Shinzo Abe einige Anläufe unternommen, die diese pazifistische Grundgesinnung aus der Verfassung des Landes hebeln soll, da für den Regierungschef und seine konservativen Parteikollegen das Gesetzeswerk nicht mehr zeitgemäß erscheint. Die 37-jährige Hausfrau Naomi Takasu stellt sich mit einer besonderen Idee gegen dieses fragliche Reformvorhaben der Regierung im Land der aufgehenden Sonneund hat damit eine landesweite Bewegung ausgelöst, wie die Tokyo Shimbun berichtete. Sie fordert mittels einer Petition den Friedensnobelpreis für das japanische Volk. Das soll weitere Initiativen der Regierung zur Abschaffung des Artikel 9 verhindern. Möge dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt werden! Nebenbei bemerkt, findet sich eine vergleichbare Klausel weltweit nur mehr in Artikel 12 der Verfassung von Costa Rica.

Wenn ich mir täglich mit Schrecken ansehe, was beispielsweise in der Ukraine, am Gazastreifen oder in vielen Regionen Afrikas los ist, dann wäre es doch ein Gedanke von so wunderbarer Strahlkraft, einen verfassungsmäßigen Verzicht auf Kriegsführung in den Rechtsbestimmungen aller Länder zu verankern. Ich weiß schon, dass das in Realität kaum umsetzbar sein wird, da die Rüstungsindustrie mit ihren Lobbyisten viele Staaten gehörig unter Druck setzen würde, sich weiter die Finger im Blut zu tränken. Aber die Vorstellung von einer Welt ohne Krieg ist eine wunderbare, ein Bild von so unnachahmlicher Schönheit. Alleine die Diskussion einer solch friedensstiftenden Option könnte vielleicht einige mit Verantwortung ausgestattete Frauen und Männer zum Nachdenken bringen, zum Hinterfragen dessen, was eigentlich die wirkliche Aufgabe in der politischen Gestaltung des Zusammenlebens von Menschen ist: nämlich dafür Sorge zu tragen, dass die Würde des Individuums in allen Lebenslagen bewahrt und unangetastet bleibt! Marion Gräfin Dönhoff hatte dafür in ihrem 1946 verfassten Text eine Handlungsanleitung parat: “Das wesentliche ist eben, dass in einer Welt, in der es widerhallt von Drohungen und Gesprächen über Atombomben und Geheimwaffen, irgendwo an einer Stelle – und sei es auch an der schwächsten – der bewusste Verzicht auf Gewalt und der Mut zur militärischen Wehrlosigkeit aufgebracht wird.” Man stelle sich diese in die Realität umgesetzte Vision mit Blick auf die aktuellen Kriegsherde dieser Welt vor – und genieße die Einkehr eines allumfassenden Weltfriedens!

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