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Wider die Besserwisser

Können Sie sich noch an Ihre früheste Kindheit erinnern? An die ersten Schritte, an diese mühevollen Anstrengungen, immer wieder aufzustehen, nachdem Sie beim Versuch, einen Fuß vor den anderen zu setzen, hingefallen sind? Fehlanzeige? Dann nehmen Sie sich einmal die Zeit und verfolgen Kleinkinder und deren Entwicklung bis zu jenem Zeitpunkt, wo diese kleinen Menschen erstmals und ohne fremde Hilfe selbstständig gehen können. Was ist die Erkenntnis dieser Beobachtung? Der Weg dorthin ist ein einziger Prozess des Scheiterns! Für ein Kind ist es selbstverständlich, immer wieder einen neuen Anlauf zu wagen, um das Ziel zu erreichen, irgendwann ohne fremde Hilfe im Leben zu stehen. Spätestens in der Schule beginnt das System eine erste Selektion von Gewinnern und Verlierern vorzunehmen. Von Kindesbeinen an wird uns eingebläut: Pass dich an! Fall ja nicht auf! Es lebe die Einheitlichkeit! Wenn wir brav studiert haben, kommt vielleicht ein smarter Berater und kürt uns per standardisiertem Audit zum High Potential. Hurra! Aber woher rührt es, dass für uns die Durchschnittlichkeit so erstrebenswert ist? Warum gibt es uns Sicherheit, uns hinter unseren gleichmäßig geschnittenen Thujenhecken dem Mittelmaß hinzugeben? Warum sind TV-Formate wie Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s Next Top Model so erfolgreich, in denen sich junge Menschen freiwillig in einen 08/15-Raster pressen lassen, um dem Geschmack der Masse zu huldigen? Warum zum Teufel wollen alle so wie alle sein? Glattgebügelt. Abgeschliffen. Austauschbare Schablonen. Die Gesellschaft braucht doch das genaue Gegenteil: mehr Menschen mit Ecken und Kanten, mit Fehlern und Schwächen, mit Mut zur Lücke. Sie bedarf der ungetrimmten Dickschädel, der Querköpfe, der Enfants terribles. Denn Fakt ist: Durchschnittliche Menschen bewegen letztlich nur Durchschnittliches.

Und wie vor allem soll in dieser langweiligen Gleichförmigkeit spannendes Neues entstehen? In einem Umfeld, wo jeder und jede, der nicht der vermeintlichen Norm entspricht, zum Outlaw degradiert wird. Wo der, der etwas riskiert, der sich an die Zukunft heranwagt, beim Nichterreichen seines Ziels von all jenen vorgeführt wird, die im nachhinein immer schon mit treffsicherer Analyse gewusst haben, warum es nicht funktionieren konnte. Wo dann plötzlich jene Zeitgenossen sichtbar werden, die, wenn es darum geht Verantwortung zu übernehmen oder Entscheidungen zu treffen, plötzlich ganz leise werden oder den Besprechungstisch kurzfristig verlassen müssen, weil der Gang auf die Toilette unvermeidlich ist. Und die dann die ersten sind, die sich zu Wort melden, wenn etwas daneben gegangen ist. Jene sogenannten Führungskräfte, die Management nach dem Mikado Prinzip „Wer sich zuerst bewegt, verliert“ leben. Die aus lauter Ängstlichkeit in der Sache unkundige Berater engagieren, die stellvertretend für sie Entscheidungen treffen, damit im Bedarfsfall ein Sündenbock garantiert ist, wenn ein Ziel verfehlt wird. Sollten nicht gerade jene Entscheidungsträger belohnt, gefördert und motiviert werden, die bereit sind etwas zu riskieren? Die sich zutrauen, die Position der Bequemlichkeit zu verlassen, um neue Pfade zu beschreiten? Die mit ihrem Herangehen neue Sichtweisen, neue Produkte oder Märkte entstehen lassen?

Es bedarf eines Wandels in unseren Köpfen, der realisiert, dass fast alle großen Erfolgsgeschichten auf Niederlagen beruhen. Schauen sie sich die Biografien aller Nobelpreisträger an, die traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, ihre Preise entgegennehmen. All diese Persönlichkeiten haben einen Großteil ihrer Lebenszeit einem Vorhaben untergeordnet und immer wieder einen neuen Anlauf unternommen, das gesetzte Ziel zu erreichen. Vielleicht sollten sich all die Entscheidungsträger, Vorstände, Geschäftsführer, Auditoren, Kostenrechner, Systemanalytiker und Berater für Alles und Nichts die Entstehungsgeschichten einiger dieser Biografien im Detail ansehen, bevor sie bei nächster Gelegenheit die „Rübe ab bei Fehler“-Kultur praktizieren. Auch ein Thomas Alva Edison zugeordnetes Zitat könnte einen Anker für dieses Bewusstsein liefern. „Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen“, sagte der Erfinder der Glühbirne. Ein Mann, der knapp 9.000 Kohlefäden ausprobiert hat, bis er denjenigen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. Berechtigterweise könnte man sich die Frage stellen, was passiert wäre, wenn der Erfinder nach dem 500sten Kohlefaden seine Forschungsarbeit eingestellt hätte. Würde es noch mehr Menschen geben, die niemals erhellt worden wären? Als erwiesen gilt, dass trotz aller persönlicher Sorgsamkeit oder unternehmerischer Achtsamkeit, eine neue Risikokultur entwickelt werden muss, wenn wir von Innovationen sprechen. Damit sind nicht irgendwelche Finanzprodukte gemeint, die in der Konsequenz ihres Misserfolges die Weltwirtschaft ins Wanken bringen, sondern Ideen für die Märkte von morgen. Dienstleistungen und Güter, die unsere Distanz zum asiatischen Raum nicht weiter vergrößern, sondern wiederum umkehren. „Der Profi macht nur neue Fehler, der Dummkopf wiederholt seine Fehler: Der Faule und der Feige machen selten Fehler.“ formulierte es Oscar Wilde. Dies wäre ein wahrlich nützlicher Leitspruch als Eintrag ins Stammbuch für das persönliche Handeln.

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