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“Ein Irrer schreitet die Parade ab”

Als ich 2005 mein Buch „Error 21“ fertigstellte, war ich um eine Erkenntnis reicher. Mir war klar geworden, dass nicht all die technischen Neuerungen den Menschen in Zukunft ein ernsthaftes Problem bereiten werden, sondern vielmehr deren Nebenprodukt, die damit einhergehende Potenzierung der Lebensgeschwindigkeit. Eine Vielzahl von Innovationen hat unseren Alltag beschleunigt und alte Grenzziehungen verschwimmen lassen. Wissen und Information sind 24 Stunden am Tag verfügbar, werden im Schichtbetrieb rund um die Welt organisiert und mittendrin gibt es uns Menschen, die im Datenstrom der Information mitsurfen oder untergehen. Egal ob im Beruf oder in der Freizeit, wenn es diese Trennlinie überhaupt noch gibt, sind wir immer irgendwo mit irgendjemandem verbunden, Teil eines Systems, in dem Rast- und Ruhelosigkeit den Ton angeben. Die zweistelligen Wachstumszahlen der Burn-out-Industrie lassen grüßen. Diese knappe Beschreibung des Status quo ist kein Appell, sich gegen den Fortschritt aufzulehnen, sie soll nur als Heranführung an ein problematisches Phänomen dienen, das sehr gerne verleugnet wird: dass wir alle immer mehr persönliche Energie einsetzen müssen, um im großen Spiel des Lebens bestehen zu können.

Aber was ist mit jenen, die nicht mehr mitkönnen? Was ist mit all den Menschen, Unternehmen und Organisationen, deren Arbeitskraft, deren Dienstleistung, deren Produkte oder Expertise nicht mehr benötigt werden? Wer die sich immer kürzer werdende Zeitspanne zwischen Angebot und Nachfrage übersieht, droht zu scheitern, schneller als je zu vor. In der guten alten Zeit gab es noch eine gewisse Beständigkeit; die einmal erworbene Ausbildung sollte ausreichen, um ein Erwerbsleben lang bestehen zu können. Mit Produkten verhielt es sich ähnlich, die Absatzmärkte wurden noch in Dekaden definiert. Und heute? Beispielsweise wird jede Minute eine neue chemische Formel entwickelt, alle drei Minuten ein neuer physikalischer Zusammenhang entdeckt und alle fünf Minuten eine neue medizinische Erkenntnis gewonnen. Während es um 1800 hundert Jahre dauerte, bis sich das Wissen verdoppelt hatte, sind es seit Anfang des 21. Jahrhunderts gerade mal vier Jahre. Man könnte diesen Befund akademisch diskutieren, um Stunden, Tage, Wochen streiten. Das ist nicht das Thema. Die Historie illustriert nur eindrucksvoll, was rund um uns los ist. Noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte waren die Chancen zu scheitern so groß wie im gerade eben begonnenen neuen Jahrtausend!

In meinem neuen Buch “Ein Irrer schreitet die Parade ab” halte ich ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Kultur der zweiten Chance und versuche anhand vieler Geschichten darzustellen, dass eine Niederlage nicht das Ende aller Möglichkeiten bedeuten muss. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass die Basis vieler Spitzenleistungen Niederlagen sind. All diese davon betroffenen Menschen haben den anderen ein entscheidendes Merkmal voraus: sie sind einmal öfter aufgestanden, als sie hingefallen sind.

Dieser Text ist im Businessmonat als Gastkommentar in der Rubrik “Open Mind” erschienen.

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