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Paradoxien zum Handeln

Seit einigen Tagen beschäftigt mich ein Bild mit dem Titel Das Paradoxe unserer Zeit. Gesehen habe ich die Karte im Internet. Im Hintergrund ist eine Skulptur in denkender Pose zu sehen, im Vordergrund sind ein paar Widersprüche zu lesen, die mich und vermutlich viele andere Menschen beschäftigen. Das geschriebene Wort und die Dokumentation dieser Gedanken stellen in der Konsequenz ihrer Aussage ein paar Fragen in den Raum, deren Beantwortung lange philosophische Debatten mit sich ziehen würden. Die Urheber dieser Überzeugungen sind mir nicht bekannt. Aber selbige lassen sich in der größten Entwertungsmaschine für geistiges Eigentum, dem Internet, nicht immer ausmachen.

Was empfinden Sie, was denken Sie, verehrte Leserinnen und Leser meines Blogs, wenn sich Feststellungen wie die folgenden vor Ihnen auftun: “Große Häuser, aber kleine Familien. Mehr Bildung, aber weniger gesunder Menschenverstand. Erweiterte Medizin, aber schlechter Gesundheitszustand. Beim Mond gewesen, aber den Nachbarn nicht kennen. Hohes Einkommen, aber wenig Seelenfrieden. Höchster IQ, aber weniger Emotionen. Ständig Erkenntnisse, aber weniger Weisheit. Viele Menschen, aber weniger Menschlichkeit.” Ich möchte jetzt keine akademische Diskussion auf Punkt und Beistrich führen, dass Mann oder auch Frau bei jeder dieser Aussagen eine Reihe der berühmten “WENN” und “ABERS” einwenden könnte. Aber ist es nicht so, dass genau Antworten auf diese Paradoxien dringend notwendig wären?

Die Liste dieses gesellschaftlichen Befunds, der so viele Ungereimtheiten aufzeigt, ließe sich unendlich fortsetzen. Ein wenig Recherche im weltweiten Netz, das die Menschheit angeblich näher bringt, aber immer mehr im realen Leben vereinsamen lässt, bietet einen unbeschreiblichen Fundus. Dr. Bob Moorehead, er war Pastor der Overlake Christian Church in Redmond (Washington), hat ähnliche Ideen formuliert, die auf vielen Seiten im Internet zitiert werden. Unter anderem konfrontiert er uns mit folgenden Gedanken: “Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breite Autobahnen, aber enge Ansichten. Wir verbrauchen mehr, aber haben weniger, machen mehr Einkäufe, aber haben weniger Freude. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir haben gelernt schnell zu sein, aber wir können nicht warten. Wir haben die Luft gereinigt, aber die Seelen verschmutzt. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile.” Dem Glauben zugewandt oder nicht, aber da gibt es schon eine Reihe von Widersprüchen, die unser Leben prägen. Ich habe selber auch keine Antwort und von einer Lösung vieler Fragen bin ich meilenweit entfernt. Aber wie können wir auf diese Problemlagen einwirken: sie hinnehmen, sie widerstandslos akzeptieren? Auch von Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai Lama, lässt sich zum Thema passend einiges nachlesen. Er sagt: Es ist eine Zeit, in der viel im Schaufenster ist, aber nichts im Zimmer.” Ist nicht die große Leere, die immer mehr Menschen umfasst, ein unverwechselbares Kennzeichen unserer Epoche geworden? Wäre es nicht höchst an der Zeit, dass wir uns von dieser Lethargie befreien, die uns immer mehr in einer bedrohlichen Gleichgültigkeit verharren lässt? Oder um mit Erich Fried zu sprechen: “Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt“. Eine Aufforderung, die im entschlossenen und überlegten Handeln jedes Einzelnen gegen die Paradoxien unserer Zeit münden sollte!

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