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Mixed Emotions

Good old Europe hat mich wieder. In den vergangenen vier Wochen in den USA habe ich vieles erlebt, gelernt und gesehen. Was bleibt sind gemischte Gefühle. Mein Aufenthalt in den Staaten war durch die Unterordnung in ein studentisches Leben geprägt, das pünktlich um 9.00 Uhr begonnen und mit einer Pause von einer Stunde exakt um 17.05 Uhr täglich geendet hat. Am Tag meiner Ankunft kam ich gemeinsam mit einigen Kommilitonen in den Genuss einer Campusführung seitens des Direktors inklusive umfangreicher Erläuterungen unserer Pflichten. Sukkus seiner Ausführungen: „Das Gesetz sind wir!“ „Interessant.“, denkt man sich da als wissensdurstiger österreichischer Gaststudent, um im Verlauf seiner Studien festzustellen, dass hier offenbar die Pflichten immer nur für die anderen Gültigkeit haben, jene die sie ausrufen, sind davon meist nicht berührt. All das, was Direktoren, Professoren, Administratoren und andere Systemerhalter von einem einfordern, ist ihnen selbst vielfach fremd, so mein Eindruck. Ein Spinnennetz an Regulativen und Spielregeln unter dem Deckmantel der Disziplin, des Patriotismus und seit 9/11 unter dem Aspekt der Sicherheit. Das beginnt bei Debatten im Hörsaal bei A wie Argumente, die nicht zugelassen werden, weil sie ein standardisiertes System der Oberflächlichkeit in Frage stellen könnten und endet bei Z wie zeitliche Disziplin, deren Bedeutung den meisten Lehrenden fremd ist.

Überhaupt ist hier die Diskrepanz zwischen Sein und Schein, zwischen Authentizität und Inszenierung allgegenwärtig. Hinter der Fassade verbindlicher Herzlichkeit wird man zwischen Supermarktkasse und Inskriptionsstelle allerorten nach seinem Befinden gefragt. Dabei legt die Floskel „How are you today?” keinerlei Wert auf eine ehrliche oder überhaupt eine Antwort. “Fine, thank you. I´m gonna myself a gun and shoot my whole family after the Sunday service.” oder “Great, I´ve just been diagnosed incurable pancreas cancer.” könnten durchaus ein joviales “Have a nice day!“ nach sich ziehen. Im belanglosen Smalltalk sind die Amerikaner Weltmeister. Eine Oberflächlichkeit, die atemberaubend ist.
Apropos oberflächlich: Während meines Aufenthaltes in New York wurde bekannt, dass Apple aus dem App-Store für seine iPhones rund 5000 Applikationen mit „sexuell anstößigem Inhalt“ kurzerhand gelöscht hat. Davon betroffen: Bilder von Frauen in Bikinis, von nackter Haut, Silhouetten, die auf sexuelle Inhalte schließen lassen, die in irgendeiner Art sexuell erregend sind und Wörter mit sexuellen Bedeutungen wie „Boobs“, „Sex“ und „Babes“. Aber – und jetzt kommt´s – Anwendungen von bekannten Erotik-Magazinen, wie Playboy und FHM, sind weiterhin . Ist diese Heuchelei, diese Doppelmoral nicht absurd? Da werden Züchtigkeit und Sitte im Namen von Religion, Jugendschutz und bravem Bürgertum gepredigt, während etwa im kalifornischen San Fernando Valley jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar auf Basis einer gigantischen Pornoindustrie die Besitzer wechseln. Man möge mir diesen Seitenhieb verzeihen, aber dass in diesem Substrat aus Oberflächlichkeit, Heuchelei und Äußerlichkeiten ein charismatischer Beau mit markigen Parolen punktet, darf nicht weiter verwundern. Findige Spin Doktoren haben „Change“ und „Yes, we can“ auf fruchtbarem Boden ausgesät und dennoch ist Amerika nicht neu und die Welt nicht friedlicher geworden. Im Gegenteil: Zwischenzeitlich hat der aktuelle Friedensnobelpreisträger weitere 30.000 junge Männer nach Afghanistan geschickt und seine Affinität für saubere Atomkerne ins Treffen geführt. Was ich damit sagen will: Auch bei einem Barack Obama – der ohne Frage ein hochbegabter, talentierter Politiker ist – ist die typisch amerikanische Kluft zwischen Sein und Schein deutlich spürbar.

Und doch bin ich fasziniert von diesem Land. Weil ich die Vielfältigkeit der Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Religionen ungeheuer beeindruckend und inspirierend finde, die ich in diesem Melting Pot New York erleben durfte. Weil die Leute hier erst einmal anpacken und sich selber helfen, statt der Regierung die Schuld zuzuschieben. Weil ich den Eindruck habe, dass der American Dream real ist, dass man seine Visionen wirklich leben kann ohne von weltfremden Behörden sofort ausgebremst zu werden. Und weil der Archetypus des Tellerwäschers, der es zum Millionär schafft, nirgendwo so greifbar zu sein scheint wie hier. Der Glaube daran, dass auch die kleinste wirtschaftliche Einheit – der Mensch – durch harte Arbeit und eigene Willenskraft sein Leben verbessern kann, ist allgegenwärtig. Das mag daran liegen, dass die Menschen bei jeder Gelegenheit darin erinnert werden, dass sie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben. Und dass man, um im Leben weiter zu kommen, Tatendrang, Mut und Entschlossenheit benötigt. In dieser Frage haben Wohlstandsgesellschaften wie der österreichische Mikrokosmos einen argumentativen Aufholbedarf. Und ganz ehrlich: Wenn´s der Sache dient, würde ich mich hierzulande ab und zu auch über ein aufgesetztes „How are you today?“ freuen.

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