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Was Fakt ist, ist wurscht

Die Sache wurmt mich einfach. Ich meine die Causa Zilk. Der Akt der tschechoslowakischen Staatspolizei ist gefunden, 1968 hat die Stapo festgehalten, Zilk sei „kein Agent“, sondern ein „Informator“ für die CSSR gewesen. Unter der Aktenzahl D-70.171/69 sind drei Seiten auf Mikrofilm erhalten. Wie die Dokumente belegen, hat Zilk für (damals viel) Geld spioniert und Informationen verkauft. Diese Tatsache ist dokumentiert, relevant und in höchstem Masse verwerflich. Es ist völlig irrelevant ob diese Informationen „wichtig“ waren oder nicht. Selbst wenn er nur den Kantinen-Menüplan „verraten“ hätte, ändert das nichts an dieser Tatsache. Doch was passiert: In bester Ostblockmanier findet man sich hierzulande in einer völlig gleichgeschalteten „Medienlandschaft“ wieder, allen voran die miefigen Sümpfe der Mediaprint und des öffentlich rechtlichen  Fernsehens. Der rote Filz diktiert die Kommentare, die sich offenbar von Anfang an auf die Taktik „Schwamm-Drüber“ eingeschworen haben. Ganz nach dem Motto: Was Fakt ist, ist wurscht. Das ist beängstigend!

So schrieb Alfred Payrleitner im KURIER über „den Freund, der seine vielen Freunde posthum ratlos macht: Seine mediale Präsenz war einfach grandios. Und dieser Mann war gleichzeitig der tschechische Agent Holec … Kleinkariert und extrem ungeschickt, weil er sich schriftlich festnageln ließ. Ein komplett leichtsinniger Vorstadt-James-Bond, dem scheinbar die eigene verbale Begabung über den Kopf wuchs.“ Die Krone wirft die ganz große Empörungsmaschine an (statt im eigenen Archiv nachzusehen, für wen sie sich schon in die Bresche geworfen hat, der dann doch …) Nach Erscheinen des profil, in dem erstmals Quittungen gezeigt worden sind, die auf eine Bezahlung Zilks schließen lassen, hatten sich viele rasch ein Urteil gebildet: Die Boulevardmedien, allen voran die Kronen Zeitung, die es gleich wusste: „Vorwürfe gegen Zilk haltlos.“ Zilk war jahrelang Ombudsmann der Kronen Zeitung. Frühere Kollegen und Mitarbeiter wie Kurt Scholz ergingen sich in Beschimpfungen statt Erklärungen. (Zitat Hans Rauscher, Standard) Die Witwe Dagmar Koller gerierte sich als Art „Gedenkdomina“ (Zitat Alexandra Föderl-Schmid, Standard), indem sie im ORF, der ihr bereitwillig eine große Bühne bietet, mit Kreuz und Kerze einen aufsehenerregenden Auftritt inszenierte und damit einmal mehr den Beweis antrat, dass Österreich ein Operettenstaat ist.

Naive Frage meinerseits: Die Vorgänge sollen nicht untersucht werden, weil Zilk vor ein paar Monaten gestorben ist? 99% der Personen, die historisch erforscht werden, sind bereits gestorben. Sollen wir das Institut für Mittelalterliche Geschichte auflösen, weil Friedrich Barbarossa bereits verstorben ist? Bitte, so etwas darf doch nicht wahr sein! Es geht hier um den Umgang mit dem Mythos Zilk, der zu Lebzeiten beileibe nicht nur Kultcharakter hatte. In Österreich gibt es aber sofort reflexartige Reaktionen: An Ikonen darf nicht gekratzt werden. Es geht um die offizielle Haltung Österreichs, wo ein Bundeskanzler Faymann sich in der Krone über die Vorwürfe gegen Zilk „empört“ und ein Vizekanzler Pröll abwiegelt, man habe „andere Sorgen“. Es geht um die Frage: Sind wir eine offene Demokratie, in der Fragen nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet werden? Bei allem Respekt vor Helmut Zilk: Was wahr ist, muss rauskommen und „das kotzen“ (Copyright Dagi) bekomme ich in erster Linie durch die einhelligen Nestbeschmutzerschreie und Verdrängungsreflexe aller Art.

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