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Politisches Menschenmaterial

Im Juni des letzten Jahres gab der damalige deutsche FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel in einem Interview zu Protokoll: “Es gibt eine Empörungsindustrie, die davon lebt, dass eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben wird. Wenn man einen Fehler gemacht hat, kann man nur hoffen, dass die nächste Sau möglichst zügig kommt. Wenn das länger dauert, wird es gefährlich.” Wenn diese zugegebenermaßen sehr pointierte Einschätzung stimmen sollte, dann herrscht für den Spitzenkandidaten der SPÖ für die Europaparlamentswahl, Eugen Freund, Alarmstufe Rot. Der ehemalige ORF-Nachrichtensprecher muss dieser Tage an sich selbst erfahren, dass es ein großer Unterschied ist, ob man nach intensivem Sprachtraining gekonnt vom Teleprompter vorgefertigte Texte zur Prime Time abliest, oder ob man in der Realität Inhalte in Echtzeit erarbeiten muss. Und es hat schon einen gewissen Unterhaltungswert, wenn jemand aus der Berufsgruppe der “notorischen Besserwisser” vom Jäger zum Gejagten wird. Aber so ist das Leben. Im Fall des ehemaligen – durchaus versiert auftretenden – Fernsehjournalisten selbst gewählt!

Mich würde ja wirklich interessieren, wer innerhalb der SPÖ die Idee hatte, Eugen Freund zum Spitzenkandidaten für die Europawahl anzufragen. Ein Tipp könnte die neue Bildungssprecherin der SPÖ, Laura Rudas, sein. Das “Red Brain” war sicher fasziniert, dass es Menschen gibt, die vor laufender Kamera kompetent und eloquent erscheinen. Unter Verdacht könnte aber ebenso SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer stehen. Der hat sich vielleicht vorgestellt, dass es da einen gibt, der von einer 3.000,00 Euro ASVG Höchstpension nicht leben kann, und ist demnach zur Schlussfolgerung gekommen: „Wir Genossen leisten eine medial vorzeigbare Soforthilfe, die sich gut vermarkten lässt!“ Oder ist es gar der Parteichef selbst gewesen, der die zündende Idee, die höhere Eingebung hatte, dass Freund gut zu Freundschaft passt und dieser Umstand ein schönes Bild zum 125-jährigen Jubiläum der Partei sein könnte? Eigentlich egal, wer da die Fäden gezogen hat. Es sagt einiges über den Zustand der Arbeiterpartei aus, dass da jemand ins Rennen geschickt wird, der in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Profil zugibt, nicht mal das Parteiprogramm jener Partei zu kennen, die er gedenkt im Wahlkampf zu vertreten. Aber vermutlich trieben den weltgewandten “Sympathieträger” die schieren Existenzängste in die Fänge der “Roten”, sozusagen auf den “politischen Arbeitsstrich”. Es ging ja schließlich auch um “die Kohle”, um seine, nicht die der anderen. Gilt es doch mehrere Wohnsitze zu finanzieren, einige Oldtimer zu pflegen – das muss fairerweise angemerkt werden.

Eugen Freund ist zum Bumerang für die SPÖ geworden. Die politischen Gegner sollten sich voller Demut bedanken, dass sie da jemanden serviert bekommen haben, der eine Steilvorlage zum Quadrat im bevorstehenden Wahlkampf sein wird. Schon jetzt können sich alle Freunde des politischen “BI-Handers” darauf freuen, was da aus seinem “Sager“ gemacht werden wird, wonach das durchschnittliche Einkommen eines Arbeiters in Österreich angeblich 3.000,00 Euro betrüge. Aber am 63-jährigen Kärntner wird auch sichtbar, dass es nicht darum geht für eine Sache ideologisch einzustehen, Werte zu vertreten und für Inhalte zu kämpfen. Gefragt sind austauschbare Gesichter, die für den passenden Moment zum Stimmenfang eingesetzt werden können, um sie dann spätestens bei der nächsten Wahl wieder zu entsorgen und durch anderes, frisches und unverbrauchtes Menschenmaterial zu ersetzen. Diese Handlungsweise eint jedoch alle Parteien! Pragmatisch könnte man meinen, dass all das eine Win-win-Situation für Auftraggeber (Partei) und Auftragnehmer (Kandidat) ist, eine Geschäftsbeziehung, in der man relativ viel Schmerzensgeld für relativ wenig wirkliche Arbeit bekommt. Auf der Strecke bleiben wieder mal die Wählerinnen und Wähler, die mit solch einer Personalauswahl frei Haus alle Argumente geliefert bekommen, warum sie entweder nicht zur Wahl gehen, oder wenn doch, garantiert die Falschen wählen.

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