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Runter von der Couch!

Manchmal denke ich daran, in einen entlegenen Winkel Ecuadors, in das auf 1.600 Metern Seehöhe gelegene Dorf Vilcabamba zu übersiedeln. In dieser ursprünglichen und von Mythen umwobenen Gegend, die man auch das Tal der Hundertjährigen nennt, ist die medizinische Versorgung rudimentär und die hygienischen Verhältnisse sind zum Teil katastrophal. Dennoch gibt es in Vilcabamba zehnmal mehr 100-Jährige als irgendwo sonst auf der Welt. Warum ich das tun möchte? Eigentlich habe ich es satt, permanent nur von Krisen, Katastrophen und sonstigen negativen Ereignissen zu hören, die mein Gemüt in schlechte Laune versetzen. Manchmal kokettiere ich mit diesem verführerischen Gedanken, irgendwo in einem fremden Land zu sitzen und fernab von jeglichem Materialismus und Leistungsdruck das Leben einfach Leben sein zu lassen. Dennoch ist es verfrüht, die Reise dorthin anzutreten, zu vieles ist mir hier wichtig und wartet darauf, in „weltverbesserischer“ Manier erledigt zu werden. Zu meiner ungebrochenen Vision gehört es, einen aktiven Beitrag zur Einübung eines anderen Umgangs mit sich selbst und den Mitgliedern der Gesellschaft zu leisten. Denn zu viel läuft aus dem Ruder.

Die Menschen sind von globalen Vorgängen überfordert und können mit den rasanten Entwicklungen kaum noch Schritt halten. Emotionaler Stress entsteht für viele dadurch, dass einem permanent eingetrichtert wird, in diesem Strom mitschwimmen zu müssen. Eine daraus resultierende gefährliche Stromlinienförmigkeit verblendet die Menschen dahingehdend, dass es komfortabler sei, sich anzupassen und nicht aufzufallen. In diesem Sog lebt es sich vordergründig sehr bequem, ist doch der Staat der größte Babysitter der Nation! Aber: Liegt es nicht in der Verantwortung des Einzelnen, sich aus dieser lähmenden Umklammerung zu befreien und das reichlich vorhandene Wissen und das eigene Potenzial in positive, nach vorne gerichtete Entwicklungsenergie umzuwandeln? Ich plädiere für einen selbstbewussten Ausstieg aus der Trägheitsfalle! In unseren Breiten wird alles und jeder reglementiert. Ich bin der Auffassung, dass die bei uns noch immer anhaltende Überversorgung und Bevormundung des Einzelnen zu diesem Mangel an Selbstinitiative und Eigenverantwortung führt. Mehrere Bilder von Reisen in ferne Länder haben sich bei mir eingebrannt. Während bei uns auf Autobahnen für mehr Verkehrssicherheit geworben wird, vermittelt man den Menschen in Malaysia beispielsweise mittels Transparenten auf Autobahnbrücken, dass Bildung der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben ist. In Papua-Neuguinea etwa beginnt die Heranführung an die Lebensrealität schon im Säuglingsalter. Werden bei uns Babies immer zu Mutter oder Vater gewandt getragen, sind Kinder in dem zum australischen Kontinent zählenden drittgrößten Inselstaat der Welt im wahrsten Sinn des Wortes “Senkrechtstarter”. Kleinkinder werden dort nur senkrecht nach vorne blickend getragen. Die ganz banale Begründung: “Sie sollen das sehen, was Mutter oder Vater sehen. Sie bekommen auf diese Weise das Gefühl, die Welt zu beherrschen”, liefert der Evolutionsbiologe Jared Mason Diamond eine für mich sehr einleuchtende Erklärung. Wo schreitet man bei uns – im übertragenen Sinne – den Blick nach vorne gerichtet in das Leben hinein? Wo sind Frauen und Männer gleichermaßen, wenn es darum geht, die Welt zu erobern, Dinge in Angriff zu nehmen und nicht drauf zu warten, dass der jeweils andere das tut, was man selbst nicht bereit ist zu geben? Die weit verbreitete Resignation oder innere Kündigung durch mangelhafte Leistungsanreize führt zur Gefahr einer Mentalität des „Dienst nach Vorschrift“, den bereits Robert Musil in seinem 1931 erschienen ersten Band von „Der Mann ohne Eigenschaften“ als passive Resistenz beschreibt. Im Energiesparmodus zu verharren und darauf zu vertrauen, dass einem die Tauben von alleine zufliegen, scheint mir keine von Erfolg gekrönte Strategie zu sein. In unserer mitteleuropäischen Komfortzone auf diesem Niveau weiterleben zu wollen macht es notwendig, sich ein Fitnessprogramm in eigener Sache aufzuerlegen. Nicht der Staat alleine trägt diese Verantwortung, sondern auch jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft: Nämlich alle gemeinsam!

Wir stecken in der größten Wirtschaftskrise seit den 30-er Jahren und was ist die Folge: Mehrheitlich verharren die Menschen in Starre, Lethargie und Ratlosigkeit. In einer Kennenlernrunde von US-Amerikanern lautet die eingangs gestellte Frage zumeist: „What do you do for a living?“. Die Frage allein impliziert schon eine Grundhaltung: Es geht darum, womit du dir derzeit deinen Lebensunterhalt verdienst. Ob die Antwort nun lautet „Ich leite einen multinationalen Konzern.“ oder „Ich trage Pizza aus.“ ist nicht weiter von Bedeutung, schließlich geht es um eine Momentaufnahme des Lebens. Veränderung und Aufstieg sind in diesem Kulturkreis jederzeit möglich, und wenn es eine gute „Opportunity“ gibt, ergreift man sie eben. So einfach ist das. Nicht so in good old Europe, wo stures Festhalten am einmal Erlernten, neurotisches Schubladendenken und gebetsmühlenartiges Lamentieren über „die da oben“ zum Einmaleins der Sozialromantik gehören. Denn Maßnahmen des Staates setzen Orientierungsdaten der Lebensführung: mieten, kaufen oder bauen, unehelich zusammenleben oder heiraten, studieren oder Lehre machen, Kinder haben oder nicht haben, Minijob annehmen oder gleich schwarzarbeiten, zum Arzt gehen oder sich selbst kurieren. Unzählige Lebensentscheidungen, im Kleinen wie im Großen, sind von der Existenz und Gestalt des Sozialstaats wenn nicht bestimmt, so doch maßgeblich geprägt. Da verwundert es nicht weiters, wenn fehlende Motivation und Anspruchsdenken jegliche Eigeninitiative ersticken. Nicht nur Deutschland oder Österreich, ganz Europa fehlt es an Dynamik, an Mut, an Veränderungswillen, an der Freude am Problemlösen, an Ehrgeiz überhaupt. Was hierzulande benötigt wird sind Leidenschaft, Mut zum Risiko, Spaß am Versuchen und am Unternehmen. Auf der Basis einer Versicherung in Form von noch mehr staatlicher Reglementierung werden wir die Hürden der Zukunft nicht meistern, sondern kläglich scheitern. Also, raus aus der Bequemlichkeit und runter von der Couch!

Dieser Text wurde in leicht abgeänderter Form in der Print- und Onlineausgabe der Zeitung “Die Welt” veröffentlicht.

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