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Die Wüste lebt!

Seit ich auf Erfindermessen erstmals näheren Kontakt mit Forschern aus dem arabischen Raum hatte, musste ich mein Bild von Mensch und Fortschritt aus diesem Kulturkreis erheblich relativieren. In Brüssel etwa präsentierten mir zwei in einem Kaftan verhüllte Forscher eine Schneekette, die mit einem Handgriff auf einem Autoreifen montiert werden konnte. Ich dachte mir damals, wie kommt man, umgeben von Sanddünen, auf die Idee, eine Fahrhilfe für den Winter zu entwickeln? Aber es sollte nicht die einzig skurrile Erfindung sein, die ich aus diesen Ländern zu Gesicht bekommen habe. Fasziniert war ich ebenso davon, mit welch offensichtlicher Entspanntheit an Projekte herangegangen wurde und vielleicht gerade deshalb außergewöhnliche Innovationen entstehen konnten.

Gelassenheit ganz anderer Art hat mir dieser Tage Sultan, ein Araber um die 40 Jahre, geboten. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Der Chauffeur der Wüstenfahrt ist in einen makellos weißen Kaftan gehüllt, trägt eine dunkle verspiegelte Sonnenbrille, eine Hand hält er telefonierend am Handy, die andere am Lenkrad, während Technosound aus den Lautsprechern dröhnt. Ein Bild, das alle Klischees sprengt! Dazu kommt noch ein PS-Monster auf 4 Rädern, das mit mehr als 90 mph, was nach unserer Rechenart um die 150 km/h sind, durch die Wüste donnert. Das alles spielt sich auf einer Sandpiste im Ausmaß von drei Autobreiten ab, links und rechts ist der Dünenhighway von einem Zaun begrenzt. Ich sitze inaktiv am Beifahrersitz, während das Auto dahinwedelt, wie ein Hund mit seinem Schwanz, wenn es sein Herrl begrüßt. Die Begrenzung der Piste ist zum Greifen nahe, ich sehe uns schon abfliegen. Die Füße in die Bodenplatte gespreizt, beide Hände am Haltegriff der Beifahrertür festgeklammert, rufe ich zu meiner eigenen Verwunderung lautstark “Stop!”, was dem Piloten nur ein mitleidsvolles Lächeln für mich entlockt. Der “Tiefflug” geht ungebremst weiter. Gerettet hat mich nur der Umstand, dass wir vor der eigentlichen Wüstensafari halten mussten, da die Reifen unseres Boliden zu viel Luft hatten. Wenn ich Ihnen jetzt noch detailreich schildern würde, wie die Fahrt dann weitergegangen ist, Sie würden schon ob der Erzählung Schweißperlen auf Ihrer Stirn bekommen. Ich stelle mir derlei Vergnügen bei uns in Österreich vor, dort, wo der Spaßfaktor allem und jedem immer mehr entzogen wird. Unserer Mentalität entsprechend würden sicherlich einzelne Aktivisten die Sandberge einnehmen, um grundsätzlich mal gegen alles zu demonstrieren, was man aus derlei Ausgelassenheit an Bedrohungspotenzialen für Mensch und Natur ableiten kann.

In den Emirates sind Steuern übrigens ein Fremdwort, die Behörden finanzieren sich ausschließlich über Abgaben. Und nicht mal ein Rauchverbot gibt es. Ich sehe da gehöriges Exportpotenzial für Ideen engagierter Bürger, wenn sich bei uns irgendwann das Blockade- und Regelungspotenzial dem Ende zuneigt. Seit ich mehr über diesen Breitengrad der Erde kennengelernt habe, als durch meine bisherigen Zwischenlandungen am Flughafen Dubai, bleibt mir schon der Mund offen. Ich den letzten Tagen zählte ich in Abu Dhabi um die 30 Skyscraper, die gerade in der 70 Quadratkilometer großen Stadt gebaut werden. Ich spreche nicht von Hochhäusern, die ohnedies als Platzfüller zwischen den Wolkenkratzern errichtet werden, ich rede von Gebäuden, die in den Himmel ragen! Man stelle sich diese Stadt in 10 bis 20 Jahren vor. Wo sind dann wir? Möglicherweise ist ja die Verwaltung der Historie und die Fortschreibung der selbigen eine für uns gelernte Strategie. Aber egal, ob man Asien oder wie in diesem Fall die Vereinigten Arabischen Emirate bereist, hier ist wesentlich mehr Power für die Zukunft spürbar, sichtbar, greifbar als bei uns. Man stelle sich vor, bei uns würden sich Investoren finden, die beschließen, eine Gebäudeinfrastruktur zu errichten, die unsere Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert überdimensional steigert. Zuerst mal würden irgendwelche Endlosverfahren eingeleitet, Kommissionen gebildet und paritätisch besetzte Kontrollgruppen für alles und jedes initiiert werden. Und wenn dann mal Bewegung in die Sache kommt, dann würden sich sicherlich ein paar “Berufsverhinderer” zu Wort melden, die irgendwo im bisherigen Verfahren einen Formalfehler geortet, oder auf einem der zu bebauenden Landschaftsstriche einen besonders zu schützenden Regenwurm gefunden haben. Dann würde man ein paar Gutachter beauftragen, womit unendlich viel lähmende Zeit ins Land ziehen würde. Ich will nicht alles schlecht reden, keinesfalls. Aber ich spreche hier von Internationalität, von Zukunftskonzepten, die über den Tag hinaus einem Land und seiner Bevölkerung eine Entwicklungsperspektive geben. Und ich behaupte, der Durchschnittsösterreicher neigt viel zu sehr dazu, jedes neue Vorhaben schon aus einem blinden Reflex heraus im Keim zu ersticken und sich mit teilweise sinnlosen politischen Ersatzhandlungen einen verbleibenden Rest von Legitimation zu sichern.

Wenn man die neu errichteten Bauwerke in der knapp 700.000 Einwohner zählenden Stadt betrachtet, die übersetzt “Vater der Gazelle” heißt, dann wir hier nicht bloß Infrastruktur in Form großartiger Architektur bespielt, sondern ebenso inszeniert. Nicht Mittelmaß scheint das Konzept zu sein, sondern der Wille, sich deutlich von anderen Städten dieser Welt abzuheben, etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. An einem Platz, wo sich die Bevölkerung in den nächsten Jahren verdreifachen soll. Dies setzt Dimensionsbewusstsein, gepaart mit einem klar definierten Leistungsanspruch und einer Zieldefinition voraus. Bis 2018 soll beispielsweise auf der der Stadt vorgelagerten Insel Jazirat as-Saadiyat ein neues Kulturviertel entstehen. In Bau sind Dependancen des New Yorker Guggenheim Museums, ein kleines Louvre nach Vorbild des Pariser Originals und eine von der aus dem Irak stammenden Star-Architektin Zaha Hadid entworfene Konzert- und Theaterhalle. Im März 2007 wurde das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt, 2009 fand die Grundsteinlegung statt. Nur zur Erinnerung: alleine die Debatte über die Nutzung des heutigen Museums Quartiers in Wien, kurz MQ, dauerte 18 (!) Jahre. Und solche Endlosdebatten sind eben nicht die Ausnahme, sondern die Regel im Land der großen Töchter und Söhne. Vielleicht sollte mal darüber nachgedacht werden, ob tatsächlich alle Partizipationsmodelle eine Berechtigung haben. Oft habe ich den Eindruck, dass viele Entscheidungsträger die größte Leidenschaft dann entwickeln, wenn sie etwas verzögern oder gar verhindern können. Rasche Lösungen oder Erfolg stehen all zu häufig im Widerspruch zur Mentalität des gelernten Österreichers.

Zu guter Letzt: Wer Veränderung haben will, wer Ziele erreichen möchte, der muss auch einen konkreten Anreiz haben, sich verändern zu müssen. Trotz immer knapper werdender Staatskassen sind die Menschen in Österreich noch immer mit sozialen Transferleistungen überversorgt. Es sollte die Regel Einzug halten, dass nur jene, die sich selbst nicht helfen können, vom Staat auch Unterstützung erfahren sollten. Der Rest sollte sich ein Fitnessprogramm in eigener Sache auferlegen! Dies erfordert nicht die bei uns leidenschaftlich geführte Debatte über permanente Rücksichtnahme auf jeden und alles, sondern eine Diskussion über Zumutbarkeit oder präziser formuliert auch über die Pflichten des Einzelnen und nicht nur über dessen Rechte! Es wird seinen Grund haben, warum uns der asiatische oder der arabische Raum links und rechts in Fragen von wirtschaftlichen Wachstumsprognosen überholen. Das ist nicht gottgewollt, sondern das Ergebnis dessen, dass wir mit der Fortschreibung der Vergangenheit und der Bewahrung der Gegenwart nicht gleichzeitig eine Zukunft in dieser Dimension gestalten können!

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