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Catos Farewell

„Der Kaiser ist tot, es lebe der Kaiser!“, mag nach dem Ableben von Hans Dichand wohl so mancher laut ausrufen. Denn der größte Medienzar dieses Landes war zweifellos ebenso umstritten wie begnadet. Übervater eines mächtigen Medienhauses, präpotenter Selfmade Man, ein Volkstribun alten Zuschnitts. Die Art und Weise wie Dichand nicht nur die reichweitenstärkste Zeitung Österreichs, sondern auch die heimische Politik über weite Strecken fest im Griff hatte, muss von jenseits der Grenzen aus betrachtet, widersinnig anmuten. An den Maßstäben des österreichischen Mikrokosmos gemessen, haftet ihr jedoch so etwas wie eine innere Logik an. Irgendjemand hat einmal gesagt: „Die Österreicher sind ein Volk, das mit Zuversicht in die Vergangenheit schaut.“ Dichand kannte die Österreicher und er schaute ihnen bis auf den Grund der Seele. Er verspürte Themen, Stimmungen, Emotionen schon einen Wimpernschlag bevor sie dem Volk selbst bewusst waren. Mit dieser einmaligen Spürnase schaffte er es im Zwergenstaat Österreich die auflagenstärkste Tageszeitung der Welt zu etablieren. Ein Gespür, das bis zuletzt auch im Operativen mündete. Nicht umsonst hieß es: Die Headline macht „der Alte“.

Hans Dichand herrschte über die Kronen Zeitung wie über ein Kaiserreich. Mit Kampagnen für Hainburg, gegen Atomkraft, gegen Gentechnik, für Kurt Waldheim, gegen die EU oder für den „Wahlneffen“ Faymann verstand es der Patriarch Dichand Stimmung bei der plebs austriaca zu machen. Erhard Busek nannte die Kronen Zeitung einmal ein „Prisma, durch das sich der Erfolg des Populismus in diesem Land verstehen lässt.“ Derlei Kritikern, die der Zeitung zu großen Einfluss auf die Politik und das Land vorwarfen, entgegnete Dichand: „In einem Land, in dem der Erfolg zu den unverzeihlichen Dingen zählt, ist das eigentlich ganz natürlich. Wir können damit gut leben.“ Dichand tadelte Politiker wie Schulbuben, belohnte seine Lieblinge mit geneigter Berichterstattung, ließ andere in Grund und Boden schreiben. In der Bar des Hotel Bristol empfing er regelmäßig die Spitzen der Republik, Politiker jedweder Couleur statteten dem Patriarchen nach ihrer Wahl einen Antrittsbesuch ab. Legendär die Gugelhupfjausen mit Bundespräsident Klestil in der Hofburg. Präventives Sich-in-den-Staub werfen gehörte einfach dazu. Journalistische Distanz: Fehlanzeige. Ein Absurdum, das wohl weltweit seines gleichen suchte.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein deutscher Kanzler in der Früh zu allererst in der Bild Zeitung nachschaut, wie die Stimmung ist. Er liest die FAZ. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein englischer Premierminister schon beim Nachtportier lechzt, wo die Sun ist. Er liest die Times. Vermutlich ist Österreich das einzige Land ist, in dem man sich bei einer politischen Idee, bevor man überhaupt weiterdenkt, fragt: Was wird die Kronen Zeitung schreiben?*

Und wer bei dieser commedia divina nicht mitspielte, bekam den Zorn des Sonnengottes zu spüren. Nicht mit der Keule, sondern konzertiert, mit subtilem Druck zwang er seine Widersacher in die Knie. Ein Wolf-Martin Reimchen hier, eine Kommentar von Cato da und schon stand so mancher wieder Gewehr bei Fuß. Das widersprach allen Maßstäben journalistischer Ethik, aber in einer Konsequenz, die schon etwas Geniales an sich hatte. Eine aus allen Lagern besetzte journalistische Entourage – Ombudsmann Zilk, Christianus (vulgo Krenn), Staberl, Mölzer, Nenning, Jeannes – beherrschte diese Stimmungsmaschinerie aus dem FF.

Und obwohl oft angefeindet, ringt mir der Werdegang Dichands doch einiges an Respekt ab. Aufgewachsen in einer Barackensiedlung im Süden von Graz schaffte er es als Autodidakt zum Medienzar, einem der stets bestritt, Macht anzustreben, aber in Wahrheit viele Fäden in der Hand hatte. Dem es gelang, mit dem Kleinformat Kronen Zeitung, einen Reichweitenriesen zu schaffen, der über Jahrzehnte hinweg erfolgreich war. John Swinton, ein ehemaliger Redaktions-Chef der New York Times sagte einmal: „Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unser Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ Swintons Statement vor dem vornehmen New Yorker Presseclub wurde nicht etwa dieser Tage abgegeben, es stammt aus dem Jahr 1880! Es mag eine unbequeme Wahrheit sein, aber viel hat sich an diesem Umstand auch in der Ära Dichand nicht geändert. Für die einen war er der geniale Zeitungsmacher, der es schaffte, die Politik im Griff zu haben, für die anderen war er ein verhasster Manipulator von Politik und öffentlicher Meinung. Was immer man von ihm gehalten haben mochte – kalt gelassen hat er niemanden.

* Robert Menasse im Ö1-Interview