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Bukarester Erkenntnisse

Ich kenne viele Städte rund um die Welt. Aber erstmalig hat mich dieser Tage ein philosophischer Kongress nach Bukarest geführt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es im Heimatland des Draculas vergleichsweise ein wenig andere Standards gibt, als bei uns. Die Landschaft, die sich einem beim Landeanflug auf Rumäniens Hauptstadt auftut, muss als eher karg bezeichnet werden. Das kann aber natürlich auch damit zu tun haben, dass man dort in Sachen Landschaftspflege eine andere Prioritätensetzung hat als im westlicheren Europa. Die Einreise war unkompliziert, der Zollbeamte versprühte den Charme eines Eisschranks, mich streng musternd, prüfte er das Bild in meinem Reisepass. Beim Schritt in die Ankunftshalle traten wie aus dem Nichts plötzlich zwei Männer hervor. Der eine hatte ein Schild in der Hand, auf dem in großen schwarzen Lettern mein Name zu lesen stand. Auf Englisch sagte einer der sehr freundlichen Herren zu mir, so wie ich gekleidet sei, wüssten sie sofort, dass ich der abzuholende Gast wäre. Mit hastigem Schritt gingen wir auf den Parkplatz vor dem Flughafengebäude, wo ein weißer Mercedes auf mich wartete.

Mir wurde der Platz links hinten im Fonds des Wagens zugewiesen. Mit mehr als 100 Stundenkilometern rasten wir Richtung Zentrum. Ist es möglich, dass der Chauffeur in einem früheren Karriereabschnitt ein geübter Fluchtfahrer für Anlässe aller Art gewesen ist, fragte ich mich? Trotz einer eher aero-dynamischen Fortbewegung, habe ich mein Ziel sicher erreicht. Wenn Ostblockfeudalismus in einem Bild beschrieben werden müsste, dann bietet das Phoenicia Grand Hotel, das in den nächsten Tagen mein Zuhause werden sollte, ein gutes Anschauungsbeispiel. Für einen Menschen wie mich, der eher die Reduktion liebt, war das gesamte Ensemble ein wenig übertrieben. Aber wer weiß schon, wer hier für Architektur und Ausstattung in letzter Konsequenz verantwortlich gewesen ist. Diese Frage stellte ich mir spätestens, als ich im Italian Restaurant des Hotels Platz genommen hatte, von dessen Wänden Bilder von Tony Montana prangten. Sein Portrait ließ ja noch keine besonderen Gedanken in mir aufkommen, aber spätestens jenes Bild, auf welchem er in einer Schlussszene von Sacreface vor einem Berg von Kokain im Drogenrausch zu sehen ist, animierte mich zu ein paar Fragen, die mir aber die sympathische Kellnerin nicht beantworten konnte. Sie war eher irritiert, dass ein Gast ob des Bildes nachfragte.

Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der rumänischen Menschen hat mich wirklich überrascht. In der heutigen Zeit auf Leute zu treffen, die ihr Gegenüber nicht damit langweilen, permanent ihre Lebensumstände zu beklagen, sondern trotz aller Schwierigkeiten in ihrem Land große Lebensfreude versprühen, war jedenfalls wohltuend. Und nachdem diese Eindrücke, wiederum im nüchternen Zustand angelangt, anhalten, muss es wohl so gewesen sein. Neben interessanten Gesprächen und Diskussionen mit dem Blick nach vorne gerichteten Persönlichkeiten, wurde dem Themenkomplex Essen und Trinken ein sehr großer Stellenwert eingeräumt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich letztmalig eine derartige Menge gegessen und getrunken habe. Als Opener des Gelages wurde uns vor dem Mittagessen im traditionsreichen Caru ce Bere der Hausschnaps aller Rumänen, ein Țuică gereicht. Das Feuerwasser sollte seine Wirkung nicht verfehlen. Einzelheiten erspare ich Ihnen, aber Sie können mir glauben, dass meine Bettschwere ausreichend gewesen ist. Am Flughafen angelangt, sitze ich in der Abflughalle und mache mir ein paar Notizen, um das Erlebte zu dokumentieren. Dass von der Decke des modernen Gebäudes Richtmikrophone nach unten ragen, löst nur für einen kurzen Moment in mir Verwunderung aus. Dann denke ich mir, da lauscht irgendwer zumindest sichtbar mit und nicht so geheim wie der NSA. Die Micros erzeugen in mir sofort das Bild jenes Unrechtssystems, das jahrelang die Menschen in diesem Land entwürdigt hat. Der Größenwahn der damaligen Diktatur findet im Parlamentspalast seine Dokumentation für die Ewigkeit. 30.000 Menschen arbeiteten dort tagtäglich 11 Jahre lang, um das zweitgrößte Bauwerk der Welt entstehen zu lassen. Für die dorthin führende Strasse mussten 70.000 Menschen abgesiedelt werden, erzählte man mir. Die ersten Schneeflocken des sich ankündigenden Winters lassen die historischen Eindrücke meiner Reise durch die Stadt noch beklemmender erscheinen. Ein Witz, zur damaligen Lebenssituation der Menschen und zur Jahreszeit passend, wurde mir noch kurz vor meiner Abreise erzählt. “Warum lässt Ceauşescu am 1. Mai Großveranstaltungen abhalten? Um zu sehen, wie viele Leute den Winter überlebt haben.” Ich wollte vom älteren Erzähler wissen, wie er die damalige Zeit erlebt hatte? Er antwortete: “Wir hatten kein Essen, keinen Strom und keine Freiheit. Aber die Lebensfreude haben wir uns unter anderem damit erhalten, dass wir über uns selbst lachen konnten”. Eine in unseren geographischen Breiten des Wohlstandes leider zusehends schwindende Eigenschaft, die uns allen zum Vorbild gereichen könnte!

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