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NYC am Bosporus

Ich kann gar nicht genau sagen, was ich erwartet habe, als ich vor einigen Tagen geschäftlich nach Istanbul aufbrach. Ich weiß nur, dass mein erster Besuch in der Stadt am Bosporus ein einziges Aha-Erlebnis war. Zwischen 13 und 18 Millionen leben in Istanbul, so genau weiß das keiner. Zwei Kontinente, eine Stadt. Die größte Metropole Europas. Eine der ältesten Städte der Erde. Und gleichzeitig eine der jüngsten. Denn ein Bild hat sich bei mir besonders festgesetzt: Diese Stadt ist geprägt von jungen Menschen. Und die vermitteln über weite Strecken nicht den Eindruck, dass es sich um eine unterentwickelte Region Europas handelt, sondern um eine aufstrebenden und pulsierende Metropole, einem Schlüssel zur asiatischen Welt. “Vielwisser” werden an dieser Stelle einwenden, dass es in der Türkei einigen Diskussionsbedarf in vielen Fragen gibt, allen voran bei den Standards der Menschenrechte. Aber die sind heute nicht mein Thema! Mich beschäftigt vielmehr, dass sich dort ein großes Potenzial von Menschen selbstentwickelt, abseits von unserem Blickwinkel. Eine große Anzahl internationaler Schulen und Universitäten unterstreichen diesen Eindruck. Was ist, wenn all diese Menschen plötzlich mobil werden würden, beispielsweise durch eine Reisfreiheit innerhalb der EU? Gibt es deshalb diese Abschottung Europas gegenüber der Türkei, weil die Politiker wissen, was dann los wäre?

Direkt am Bosporus liegt in einem ehemaligen Warenhaus an den Docks von Tophane das neue Museum für moderne Kunst „Istanbul Modern“. Auf den 8000 Quadratmetern des Museums, das früher ein Lager war, haben die Architekten gezeigt, wie man aus funktioneller Industriearchitektur ein modernes Meisterwerk erschafft. Die dort gezeigten Arbeiten und Installationen türkischer Künstler könnten problemlos in Häusern rund um den Globus gezeigt werden, das Gesehene zeigt künstlerische Vielfalt auf außergewöhnlichem Niveau. Yalçn Konus, ein erfolgreicher Designer und Musiker aus Istanbul beschrieb den Spirit der Kulturhauptstadt 2010 kürzlich in einem Interview: „Wenn du hier auf die Straße gehst, dann hast du das Gefühl, du müsstest gegen den Wind anlaufen. So viel Energie ist hier.“ Genau das ist es. Energie, Chaos, Tempo, Kreativität und eine Weltläufigkeit sind in dieser Schnittstelle von Orient und Okzident Tag und Nacht spürbar, sodass ich mich zurück in Wien in einem verschlafenen Provinznest wähne.

Die Eindrücke brennen sich ein: Der Ruf der Muezzins, 24 Stunden Motorenlärm und Hupen auf den Straßen, eine Skyline zwischen Glasfronten und Minaretten, die Sirene der Bosporusfähre, die zahllosen Fischer an der Galatabrücke, Märkte wie aus Tausend und einer Nacht gleich neben Starbucks und Kentucky Fried Chicken. Istanbul lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, verstört und beglückt zugleich. Zu sagen, dass Istanbul eine Stadt im Aufbruch ist, ist wahrscheinlich eine Untertreibung. In der noblen Abdi İpekçi Caddesi, wo sich die Upperclass bei Louis Vuitton und Prada die Klinke in die Hand gibt, speiste ich vorzüglich im Restaurant „Brasserie“. Das Lokal ist nicht abgehoben, sondern es scheint ein Treffpunkt einer neuen Generation zu sein, die längst von der globalen Welt Notiz genommen hat. Ambiente und Angebot würde ich unter kosmopolitischem Understatement subsumieren. Zufall oder nicht, zentraler Blickfang hinter der Theke ist ein riesengroßes Bild vom Times Square in New York City. Vielleicht  eine gute Metapher dafür, wohin die Entwicklung dieser Stadt in Zukunft gehen könnte.

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