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Metternich lässt grüßen

Neulich in der Rushhour am Gürtel:  Ich telefoniere verbotenerweise ohne Freisprechanlage. Ok, Asche, auf mein verbrecherisches Haupt! Ein VW Passat mit Mödlinger Kennzeichen, vielmehr sein Fahrer, brüllt seinen Unmut darob beim Autofenster heraus. Wirklich, ich bin da ganz bei Ihnen, lieber Herr Querulant: „Wo komma denn da hin, wenn das jeder macht?“ Und überhaupt, der brave Bürger muss sich einfach wehren. Das kann er jetzt übrigens auch im Internet. Auf www.falschparker.com können selbsternannte Sheriffs gesichtete Parkvergehen ganz bequem von zu Hause und noch dazu anonym melden. Einfach Autokennzeichen eingeben, Digitalfoto vom corpus delicti hochladen und los geht der Spaß.
Schauplatz Deutschland: Beim niedersächsischen Landeskriminalamt (LKA) läuft ein bundesweit einmaliges Projekt, das der Korruptionsbekämpfung dienen soll. Per Internet können Bürger anonym Tipps geben, wer angeblich wen schmiert oder öffentlichen Leistungen erschleicht. In zehn Monaten gab es bereits 15.000 Zugriffe auf dieses „Business Keeper Monitoring System“. 456 Verdachtsmeldungen sind eingegangen, davon 269 mit angeblich strafrechtlicher Relevanz.

Das LKA stellt mit diesem System eine vereinfachte Möglichkeit für Abertausende Internetnutzer zur Verfügung, Mitmenschen vollkommen anonym anzeigen und verdächtigen zu können. Nicht nur der Korruption Verdächtige, sondern etwa auch Bezieher von Sozialhilfe, die angeblich nebenher jobben, zu viel Vermögen oder verdächtig große Wohnungen haben, können gemeldet werden. In Zeiten von Hartz IV ein weites Betätigungsfeld für rachsüchtige Informanten und gemeine Denunzianten. Jenseits des großen Teiches hat man diesbezüglich noch mehr auf Lager: Das amerikanische Onlineforum http://www.rottenneighbor.com hat sich den Kampf gegen die letzte Unwägbarkeit beim Häuserkauf auf die Fahnen geschrieben: den unbekannten Nachbarn. Hier können potenzielle Interessenten per Satellitensystem die infrage kommende Wohngegend schon einmal vorsondieren. Und hoffen, dass ein mitteilungsbedürftiger Anrainer bereits ein kleines, virtuelles rotes oder grünes Häuschen am Ort der Begierde hinterlassen hat. Rot heißt: Finger weg von dieser Nachbarschaft! Grün heißt: Nestbau Erfolg versprechend.

Im Großraum Berlin finden sich derzeit knapp zwanzig solcher Häuschen. Ein Klick, und es erscheint ein Kommentar zur aktuellen Nachbarschaftssituation. So ist zu erfahren, dass ausgerechnet in der geschichtsträchtigen Wilhelmstraße (Reichskanzleramt!) Personen mit „asozialem Verhalten“ verkehren, die „den Abend bis zum Sonnenaufgang ausklingen lassen mit viel Qualm und Lärm“, im gebärfreudigen Prenzlauer Berg „too many children“ wohnen – in der Else-Jahn-Straße hingegen „2 Ossischlampen“. In Mitte wurden „düstere arabische Gestalten“ gesichtet, die „Drogen von Hasch, Gras bis Kokain für überteuerte Preise“ verkaufen. Da geht doch auch hierzulande ein Aufatmen durch die Reihen der hobbylosen Frührentner und AMS-Kunden. Denn Hand aufs Herz:  Tut es nicht verdammt gut, eifrig Fehler bei anderen suchen, so kann man sich doch wunderbar in der eigenen Unbescholtenheit aalen und ganz nebenbei die Inhaltslosigkeit des eigenen Lebens übertünchen. Aber was sagt diese Blockwartmentalität über unsere Gesellschaft aus? Sind Stasimethoden und Denzuiantentum im Vormarsch? Darf man unter dem Deckmäntelchen der Zivilcourage ungeniert jedem, der einem nicht passt, eins auswischen. Und welche scheinheilige Geisteshaltung, welche latente Aggressivität, welche Armut in der Kommunikation müssen diesem bizarren Trend zugrunde liegen? fragt sich ein wenig besorgt

Ihr,

Gerhard Scheucher

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