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What the fuck is „Achtsamkeit“?

Seit vielen Jahren plädiere ich in meinen Vorträgen dafür, dass eine der größten gesellschaftlichen Kompetenzen darin besteht, sich vielen dieser vermeintlichen Trends, die irgendwer irgendwo verkündet, ganz bewusst zu widersetzen. Solche Aussagen hören meine Auftraggeber manchmal gar nicht gerne, sind es doch sie, die mich einladen, um ihren Kunden etwas Innovatives und Trendiges zu bieten. Das dazugehörige Briefing vor meinem Auftritt hört sich dann vielfach in etwa so an. “Sie wissen eh, im Vorjahr hat bei uns XY gesprochen, heuer könnten wir uns vorstellen, dass Sie bei uns reden. Es muss aber etwas Neues sein und witzig. Und berücksichtigen Sie, dass bei uns nur Top-Entscheidungsträger im Publikum sitzen, also seien Sie ruhig auch intellektuell, aber nicht zu kritisch, weil so eindeutige Positionen könnten zu Diskussionen führen. Schließlich haben wir ja danach auch noch einen geselligen Teil am Programm”. Auch wenn ich mich diesen “wohlwollenden Anweisungen“ dann klar und erfolgreich widersetze, so ist es folglich selbsterklärend, warum die Gesellschaft so ist wie sie ist. Alles schwimmt irgendwo an der Oberfläche dahin, nur nirgendwo in die Tiefe gehen und schon gar nicht einmal Dinge zu Ende denken. Im Zeitalter der Gleichzeitigkeit und des Multitaskings steht der geistige Diskurs eher nicht im Mittelpunkt der Debatten, sondern meist jene von der Empörungsindustrie produzierten und von Medien dankbar aufgenommenen Geschichten, die mit allem Geheul und Gejaule gerade mal 48 Stunden diskutiert werden, bevor die nächste Story am Meer der Sinnentleertheit als Welle aufpoppt. Und wenn gerade wieder mal Ebbe auf journalistischer See herrscht, dann produzieren die Medien ihre Geschichten gleich selber, und das Publikum nimmt all das mit großer Dankbarkeit an. Im Ereifern von Quoten gibt es weder bei den staatlichen noch bei den privaten Medien eine Grenze nach unten, könnte man meinen. Alle diese menschenverachtenden Erniedrigungsformate sind so normal geworden, dass scheinbar nur mehr ein gut erzählter Herrenwitz einen medialen Ausnahmezustand herbeiführen kann. Wenn auf RTL Würmer, Tierhoden und sonstiger Dreck gefressen oder auf auf Tele 5 die Frage „Who wants to fuck my girlfriend?“ besprochen wird, ist das offensichtlich bereits Teil unseres Kulturverständnisses geworden. Ich halte diese gesamte Volksverdummungsindustrie für unerträglich!

Das Endprodukt all dieser sinntötenden Impulse sind Menschen, die oftmals jede persönliche Justierung für ein Wertegefüge verloren haben. Vereinfacht könnte man schlussfolgern, dass bei solchen Personen ohnedies Hopfen und Malz verloren ist, da man einem Deppen nur schwer erklären kann, dass er deppert ist. Was aber auch bei einfachen Gemütern funktionieren sollte ist die Aktivierung der sozialen Intelligenz, die oftmals wichtiger ist als die in das Hirn hineingestreberten Kurzzeitinhalte aus Lehrbüchern, die zwar die meisten nicht verstehen, aber eine schulische Prüfung bravourös damit absolvieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt berufenere Instanzen, die das Bildungssystem erklären, planen und gestalten können. Aber wo werden Grenzziehungen vermittelt – oder noch präziser formuliert –  Initiativen gestartet, die das Selbstwertgefühl von Menschen wiederum steigern? Wie soll in einer Gesellschaft eine positive Grundstimmung entstehen, wenn deren Mitglieder permanent nur suggeriert bekommen, sie seien für den Mainstream entweder zu schwach, zu hässlich oder zu dumm! Was macht uns Menschen zu Menschen? Wir sollten nicht Medien für uns entscheiden lassen oder Google befragen, wenn Probleme zu lösen sind, sondern wieder damit beginnen auf uns selbst zu hören, auf unser eigenes Denk- und Urteilsvermögen vertrauend. Wie wäre es, wieder mal der eigenen Intuition zu folgen und nicht all jenen „Experten für alles und gleichsam gar nichts?“ Das könnte vielen von uns gut tun und vielleicht den angenehmen Effekt haben, zu erfahren und zu erleben, selbst mannigfaltige Kompetenzen in sich vereint zu haben, die die geistige Autonomie und damit die eigene Persönlichkeit stärken. Das Thema lautet: Achtsamkeit gegenüber sich selbst!

Die amerikanische Schauspielerin Goldie Hawn hat dazu beim Klett-Cotta Verlag das Buch „10 achtsame Minuten. Für stressfreie und ausgeglichene Kinder“ veröffentlicht. In einem Vorspann zu einem Gastkommentar bemerkte sie: “Seit dem Alter von elf Jahren habe ich auf die Frage, was ich einmal werden will, wenn ich erwachsen bin, immer geantwortet: glücklich”. Unlängst habe ich bei einem Vortrag unter mir sehr verbundenen Menschen über die Reisen des Lebens philosophiert und für mich analysierend die selbe Erkenntnis getroffen, wie die 1945 in Washington D. C. geborene US-amerikanische Filmschauspielerin und Filmproduzentin. In seiner Grundausrichtung strebt der Mensch nach Glück, so meine persönliche Wahrnehmung. Glücklich machen den Menschen nach meiner Erkenntnis, der ich kurz vor der Lebensmitte stehe, sicher nicht materielle Dinge, sondern Nahrung für die Seele, für den Geist und für das Herz. Das von Goldie Hawn erstellte einfache Regelwerk für Kinder sollte auch von uns Erwachsenen gelesen, verinnerlicht und bestenfalls auch gelebt werden. “Legen Sie den Schwerpunkt darauf, für innere Ruhe zu sorgen. Oder drosseln Sie bei den Mahlzeiten das Tempo, um den Geschmack des Essens achtsam wahrnehmen zu können. Oder nutzen Sie jede sich bietende Gelegenheit, um einen Spaziergang in der Natur zu machen, oder gehen Sie in den Garten. Oder stellen Sie hin und wieder eine Liste auf, um sich selbst daran zu erinnern, welche Eigenschaften Ihres Partners oder Ihrer Kinder Sie besonders schätzen. Oder machen Sie es in Ihrer Familie zur Regel, dass das Ampelspiel gespielt wird, sobald bei einem die Sicherungen durchbrennen. Sagen Sie Rot, halten Sie dann inne. Oder erstellen Sie eine Liste mit achtsamen Familienregeln und hängen Sie sie an einen Ort, an dem alle sie sehen können. Zum Beispiel: Behandle den anderen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Hilf anderen, wenn sie Hilfe brauchen.” Könnte man nicht subsumierend sagen, so einfach ließe sich der Alltag gestalten? Mit einer Lebensphilosophie fernab jeglicher Trends, aber von einem Regelwerk bestimmt, das vor und nach unserer Lebenszeit noch immer Gültigkeit haben wird!

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