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Brot und Spiele im Namen Gottes

Der angekündigte Abgang von Josef Ratzinger als Vorstandsvorsitzender des multinationalen Mischkonzerns im Namen Gottes, dessen Geschäftsprinzip auf dem Ablasshandel beruht, hat mich ein wenig über mein Verhältnis hin zur Amtskirche nachdenken lassen. Da gibt es eine Kluft zwischen mir und der “Bodentruppe Gottes”, welche sich nie wirklich vom emotionalen Abstand her verringert hat. Es könnte sein, dass die Wurzel dieser Distanz in meiner Kindheit zu suchen ist. Als Schulkind wurde ich nicht gezwungen, aber sagen wir mal innerfamiliär dafür auserkoren, meine Großmutter eine Zeit lang Sonntag für Sonntag in die Kirche zu begleiten. Sie war eine gebrechliche Frau, und ich war sozusagen für ihre Sicherheit ein Stück weit verantwortlich. Praktisch stellte sich das so dar, dass meine Oma und ich das Haus verließen, während alle anderen Familienmitglieder noch schliefen, um rechtzeitig die Kath. Pfarrkirche “Heilige Magdalena” nach einem Fußmarsch von knapp einer halben Stunde zu erreichen. Der Weg dort hin, an einem Bach entlang, war gleich trist wie das Innere des Gotteshauses. Vor diesem angelangt, gab es immer eine selbstverständliche Trennung zwischen meiner Granny und mir, während sie nach vorne Richtung Altar ging, um in einer der ersten Reihen Platz zu nehmen, musste ich mich auf einen der hinteren Plätze setzen, damit ich die Messe nicht störte. Ausgestattet wurde ich noch mit 50 Groschen, damit ich ein Opfergeld hatte. Nach der Messe ging es wieder nach Hause. Meist wurden wir noch von einer älteren Dame aus der Nachbarschaft begleitet, die versuchte, eine Konversation mit meiner Großmutter zu führen, die aber immer nur Bruchteile des Gesagten verstand, da ihr Gehör nicht mehr mitspielte. Ich war von den Gesprächen ausgeschlossen, da es nicht üblich gewesen ist, dass Kinder an derlei Unterhaltung teilnehmen durften. Was geblieben ist, das war eine innere Aggression gegenüber der Kirche, war doch ihre Existenz und der damit verbundene Gang meiner Oma zur Sonntagsmesse dafür verantwortlich, dass ich wöchentlich am “Tag des Herrn” dorthin gehen musste, ohne eigentlich genau zu wissen warum. Wenn ich mal davon absehe, dass ich später im Firmunterricht unserer Betreuerin die Brille weggenommen habe, was dazu führte, dass sie mangels vorhandener Sehkraft den Unterricht nicht mehr fortsetzen konnte, habe ich meine für mich negativen Kindheitserlebnisse mit der Kirche ohne bleibende Schäden überstanden.

Eine gewisse Bibelfestigkeit hatte ich ja nie angestrebt, und so werde ich auch keine wirkliche Kompetenzvermutung zu diesem Thema hinterlassen. Die “Heilige Schrift” und das gesamte Rundherum hat mich als Erwachsener eher aus künstlerischer Perspektive zu interessieren begonnen. Noch heute nehme ich beispielsweise sehr gerne die von Ernst Fuchs in einem goldfarbenen Ledereinband gehüllte Version “des Buches der Bücher” aus der Bibliothek, um darin zu blättern, um mich von den gefertigten Bildern inspirieren zu lassen. Der 1930 in Wien geborene Maler, Architekt und Grafiker, der als einer der Gründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus gilt, sagt über sein Werk im Namen Gottes: “Ich betrachte die Gestaltung dieser Bibel als Krönung meines Lebenswerkes, als Summe meines künstlerischen Schaffens.“ Wenn ich seine Arbeit von Zeit zu Zeit in Händen halte, dann denke ich mir, es ist unglaublich, wie die Kunst die Texte der Bibel zu interpretieren vermochte und noch immer vermag. Ob Rembrandt, Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck, Jakob Ruisdael, Jan Vermeer van Delft, Salvador Dali, Marc Chagall oder in jüngerer Zeit ein Jörg Immendorff, kaum ein bedeutender Maler konnte sich der Wirkung dieser großartig erzählten Geschichte entziehen. Eine Story in Buchform, die sich bis zum heutigen Tag um die 3 Milliarden mal verkauft hat. Die Autorengemeinschaft hatte schon vor tausenden Jahren erkannt, dass die Menschen eine ihnen sinngebende Kommunikationsdienstleistung erfahren wollen. Das Schlüsselwort dafür lautet “Gott” und dieser sagt dir, wo es lang geht, wo sprichwörtlich oben und unten ist. Als entsprechende “Guideline” sind die 10 Gebote für jedermann und natürlich auch jederfrau verständlich formuliert. Und wenn eines der Schafe in der Herde Gottes einmal eine Regel missachtet, dann gibt es den seit Jahrtausenden von Jahren gültigen Bußgeldkatalog im Namen Gottes. Seine Hirten auf den “Weiden des Glaubens” sind rund um den Globus stets freundlich am “Point of Sale” zu erkennen: mit dem Kreuz am Turm und auch außerhalb zur Stelle, um verirrte und vom Weg abgekommene Menschen mit der Kraft des heiligen Wortes neu zu justieren und auf den rechten Weg, wo der auch immer sei, zurückzuführen. Das ist vereinfacht dargestellt noch immer das gültige und seit tausenden von Jahren unveränderte und milliardenfach an Kunden erprobte Geschäftsprinzip. Und weil der Markenkern, die Botschaft und die daraus resultierenden Leistungen und Handlungen, auch noch Generationen nach uns Gültigkeit haben werden, funktioniert diese in der Organisationsform straff geführte Supermarktkette für “Glauben aller Art” noch immer. Die “wenigen” ungeklärten Positionen zu Fragen der Abtreibung oder gleichgeschlechtlicher Liebe etwa und fehlende Antworten auf die Missbrauchsskandale gehen in der Menge des sonstigen wohlsortierten Überangebots im Namen des Schöpfers nahezu unter, könnte man zynisch anmerken. Aus der Perspektive des Headquarters in Rom scheint die Welt daher in Ordnung und man kann davon ausgehen, dass sich auch unter einem neuen CEO wenig ändern wird.

Strategisch sollte sich daher in meiner Analyse der Aufsichtsrat, oder korrekt formuliert das Konklave, in Rom bei der Wahl des Nachfolgers Petri auf eine Person verständigen, die nach der Amtszeit von Papst Benedikt XVI wiederum auf das “Brot und Spiele Pontifikat” von Johannes Paul II zurückkehrt. Wenn sich ohnedies inhaltlich nichts ändern wird, dann sollte man wenigstens den Spaßfaktor wiederum ein wenig aufleben lassen. Während der “Wir sind Papst” Gesandte Gottes eher spröde, verklemmt und unnahbar wirkte, war sein polnischer Vorgänger ein reiselustiger Mensch, der gerne mit den Menschen im Dialog stand. An diese Tradition sollte wieder angeschlossen werden. Der 2005 verstorbene Karol Józef Wojtyła besuchte in den ersten 20 Jahren seiner Amtszeit 115 Länder aller Kontinente und empfing zu Hause im Vatikan, wenn er gerade mal da war, mehr als 14 Millionen Gläubige aus allen Teilen dieser Welt. Daneben pflegte er noch in 170 Länder diplomatische Kontakte, führte mehr als 1.000 Gespräche mit politischen Persönlichkeiten dieser Welt und gab 887 Audienzen. Wenn man sich diese Zahlen vergegenwärtigt, war er nicht nur Gottes erster Mann auf Erden, sondern auch bereits ein zu Mensch gewordenes Social Network zu einem Zeitpunkt, als es dieses noch gar nicht richtig gegeben hat. Die Menschen wollen Ansprache, Zuneigung, Anerkennung! Die Kirche ist für diesen Geschäftszweig der zwischenmenschlichen Begegnung ein verlässlicher Partner, wie mir scheint. Vielleicht ist das noch immer der Grund dafür, dass viele Gläubige für mich unverständlicherweise auf dringende Antworten des kirchlichen Managements auf einige zentrale Fragen des 21. Jahrhunderts verzichten, oder diese nur halbherzig einfordern. Hatte das Johannes-Evangelium (20,29) an entsprechender Stelle etwa Recht, als es uns prophezeite “Selig sind, die nicht sehen und doch glauben”?

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