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Federvieh wider die Lethargie

Der März dient ja im allgemeinen dazu, dem Winter endgültig ade zu sagen und sich auf den nahenden Frühling vorzubereiten. Wenngleich man sich dieser Tage nicht sicher sein kann, ob er schon hier oder doch schon wieder weg ist. Im März 1938 sind offensichtlich schon viele Menschen von den wärmenden Sonnenstrahlen des Lenz umhüllt gewesen, als sie sich in großer Anzahl über den Einmarsch des Führers erfreuten. Zehntausende  ÖsterreicherInnen (ich finde immer mehr Gefallen am phallischen I) säumten die Straßen und gingen auf die Plätze, um den vermeintlichen Erlöser zu feiern. Am 15. März verkündete dann Adolf Hitler auf dem Wiener Heldenplatz unter dem Jubel zehntausender Menschen den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich. Der “Irre aus Braunau” hatte sozusagen ein Heimspiel, weil ja der Einmarsch eigentlich eine Rückkehr gewesen ist. Kann sein, dass sein Verhalten die Spätfolgen einer Persönlichkeitsstörung waren, die durch seine im Oktober 1907 erfolglose Bewerbung für ein Kunststudium an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie ausgelöst wurde. Ist es die Intoleranz der Kunst gewesen, der wir diesen fatalen Verlauf der Geschichte zu verdanken haben? Eine Frage, die bis heute nicht eindeutig beantwortet werden konnte. Gut möglich, dass die menschenverachtendste Dekade des letzten Jahrtausends verhindert hätte werden können, wenn es schon all die den Menschen in sozialen Krisensituationen unterstützenden Einrichtungen gegeben hätte, die heute selbstverständlich sind. Man weiß es nicht, ob der Bub von Alois und Klara Hitler mit seiner Schmach anders umgegangen wäre.

Künstlerisch wollte auch ich mich betätigen, aber im Gegensatz zu unserem ehemaligen späteren Reichskanzler bekam ich nicht nur eine Ablehnung vom Publikum, sondern gleich ein paar Ohrfeigen dazu. Im März 1988 gedachte ich mit einigen Freunden des Umstandes, dass es ein zweifelhaftes Jubiläum zu feiern gab, eine Zäsur der Weltgeschichte, nämlich den Einmarsch von Hitlers Gefolgschaft in Österreich. Eine Veranstaltungsserie war der Plan, eine Trilogie, die sich mit meiner Heimatstadt Köflach und deren Verhältnis zur Naziherrschaft auseinandersetze, das Ergebnis. Beworben haben meine Mitstreiter und ich die Idee vor einem Haus, an dem noch 43 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges ein Schild mit der Aufschrift “Adolf Hitler Platz” rankte. Der Eigentümer, eine honorige Persönlichkeit der Stadt, erspähte uns, schritt vor die Tür und versuchte uns ein paar Ohrfeigen zu verpassen. Unterstützung für uns gab es nicht, ein paar Tage später wurden wir zum sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt zitiert, der uns mit heftigen Worten zurechtwies, Aktionen zu unterlassen, welche angesehene Bürger der Stadt diffamierten. Später erzählte man uns, dass der Hausbesitzer und der Politiker Mitglieder der “sozialistischen Weichspülerorganisation für ehemalige Nazis”, dem Bund Sozialdemokratischer Akademikerinnen und Akademiker, Intellektueller, Künstlerinnen und Künstler (kurz BSA) gewesen sind. Diese Organisation schaffte in den Nachkriegsjahren eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Aus vielen Nazis wurden Intellektuelle und die Sozialdemokraten konnten den geringen Akademikeranteil in den eigenen Reihen minimieren. Hervorgegangen aus den Reihen der linken Vordenker sind Minister, Landeshauptleute und andere prägende Gestalten des öffentlichen Lebens. Gestern noch “minderbelasteter“ Nationalsozialist, morgen schon ein guter Demokrat, die Grundwerte der Sozialdemokratie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität beschwörend. So war das in der guten alten und noch immer von ideologisch brauner Gülle überzogenen Zeit.

In diesen Tagen, in der Jetztzeit angelangt, zum 75jährigen “Jubiläum” des Einmarsches werden wieder mahnende Worte da und dort gesprochen, wie das damals so gewesen sei. Aber diese Sätze können immer weniger jene Menschen sprechen, die am eigenen Körper schmerzvoll erfahren mussten, was es heißt, sich nicht zu beugen, sich nicht wie eine Fahne im ideologischen Wind zu drehen: die Minderheit jener Personen, die aus den Konzentrationslagern heimgekehrt sind! Diese Frauen und Männer sollten mit staatlicher Unterstützung in Diskussionen und Gespräche mit jenen 61 % meiner Landsleute treten, die laut einer aktuellen Umfrage finden, ein „starker Mann“ wäre gut für Österreich und ebenso mit jenen 42 % einen ernsthaften Dialog führen, die auch heute noch meinen, dass „unter Hitler nicht alles schlecht war“. Was sind das für Menschen, die solche Meinungen vertreten? Die vorhin erzählte Geschichte der SPÖ im Umgang mit “minderbelasteten”, sprich braven Nazis, ist ja nur exemplarisch für andere Gesinnungsgemeinschaften, die ähnlich agierten. Mein Eindruck ist der, dass sich nicht wirklich etwas geändert hat. Die Mitläufer, die Arschkriecher, die, die im nachhinein schon immer gewusst haben, warum vorher alles falsch und im nachinein vielleicht doch wieder richtig gewesen ist, diese GestaltInnen (ist das phallische I nicht wunderbar?) dominieren die Gesellschaft. Augen zu und durch lautet ihre selbst die kleinsten Körperöffnungen durchdringende Gesinnung. Die oben zitierte und vom Linzer Market-Institut im Auftrag der Tageszeitung Der Standarddurchgeführte Umfrage bringt als Erkenntnis: “Mehr als jeder Zweite räumt der NSDAP in Österreich Chancen in freien Wahlen ein.

Willkommen in Österreich 2013! Es ist zum Kotzen! Wenn jeder Zweite die Nazis für wählbar findet, dann ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht ein ideologisches Dilemma am rechten Rand des politischen Spektrums. Dieses unser Land braucht dringend positive Unruhestifter, Menschen, die anderen Menschen den Spiegel vorhalten. Menschen, die andere animieren können Haltung einzunehmen, nicht im schlimmsten Sinn, sonder im besten Sinn des Wortes. Der ehemalige Sonderbeauftragte der Stadt Wien für Restitutions- und Zwangsarbeiterfragen, Kurt Scholz, schrieb im Feber dieses Jahres einen mehr als lesenswerten Kommentar in der Tageszeitung “Die Presse”. Er verwies darin auf Viktor Matejka (1901–1993), den Katholiken, Kommunisten, KZler und legendären Wiener Kulturstadtrat, der seine Lebenserinnerungen unter dem Titel Widerstand ist alleszusammenfasste. Matejka (er aß als Erinnerung an das KZ nur mit dem Löffel), forderte seine Gesprächspartner permanent auf, Hähne zu zeichnen. “Der Hahn, so Matejka, wecke die Menschen aus dem Schlaf, schrecke die Lethargischen auf und sei der geborene Warner und Ruhestörer. Ruhestörung sei etwas Positives, meinte Matejka, und unorthodoxes Verhalten eine Bereicherung.” Das könnte eine so einfache Übung sein, wie ich meine, um jene Wahnsinnigen wachzurütteln, die noch immer glauben, dass das Gestern der Anfang vom Morgen ist.

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