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Prüfung für Narren

Ich gehöre ja zu jenen Menschen, die im Wesen der Persönlichkeit eher bunt, aber in der zur Schau gestellten Kleidung monokolor veranlagt sind. Seit vielen Jahren trage ich uniform schwarze Anzüge, die ich kombiniert mit einem schwarzen Shirt oder weißem Hemd an meinem Körper zur Schau stelle. Für ein gewisses Maß an “Buntheit meiner Kleidung” war in den letzten Jahren mein Schneider verantwortlich, der mir in der Wirtschaftskrise angelangt offerierte, 15 Anzüge auf einmal zu einem Sonderpreis anzufertigen. Sein Vorteil war gewesen, kurzfristig Umsätze durch eine Großbestellung von meiner Seite zu generíeren, ich wiederum hatte davon profitiert, eine maßgeschneiderte Kollektion von Mode durch die Abnahme einer ansehnlichen Stückzahl zu einem unschlagbaren Preis zu bekommen. Nachdem mir aber mein Schneider wie einem Esel zugeredet hatte, nicht die üblicherweise schwarzen Anzüge zu bestellen, hatte ich einen gewissen Mut für das Experiment entwickelt, mich neuen, mich umhüllenden Schattierungen in Form von Kleidungsstoff, anzunähern. Höhepunkt meiner farblichen Kühnheit waren dann 15 gelieferte Anzüge in den Tönungen von schwarz bis grau. Sichtbares Zeichen meiner neu erworbenen Farbenfröhlichkeit sind zwei gegen den Willen meines Schneiders genähte Anzüge in Pepita oder Hahnentrittmuster, welche normalerweise zum unverwechselbaren Merkmal der Berufskleidung eines Koches gehören.

Diese im großen Stil meinen Kleiderschrank verändernde Geschichte ist mir eingefallen, als ich mich dieser Tage mit der Berufskleidung eines Narren im 15. Jahrhundert beschäftigt habe. Welche Fragen beschäftigen Sie so, wenn Sie sich durch den Alltag quälen? Wie auch immer, alles andere als eintönig waren die Arbeitsgewänder jener Menschen, die mit buntgefleckten oder geteiltem Gewand die Lust an der “Missachtung aller gesellschaftlichen Vorschriften und Ordnungen versinnbildlichten”. Hätte ich diesen Wissensstand schon zum Zeitpunkt meiner Kleiderbestellung bei meinem Schneider verinnerlicht gehabt, dann würde ich vermutlich im Ergebnis seiner Arbeit einen ganz anderen Farbanstrich mein Eigen nennen. Egal, die als Beruf anerkannten Narren haben schon lange ausgedient. Der Höhepunkt ihrer Schaffenskraft war im 16. und 17. Jahrhundert, in der Zeit der Prachtentfaltung der Renaissance- und Barock-Höfe gewesen. Personell im kleineren Umfang, aber vom Einfluss her um einiges potenziert, hatten die Narren im alten Ägypten als närrischer Rat (consilium insipiens) ein besonderes Gewicht. Getreu dem Motto “Kinder und Narren sagen die Wahrheit” gab es nicht wenige, im Gegensatz zu Till Eulenspiegel real existierende Gestalten, die an verschiedensten Höfen des Mittelalters nicht geringe Einwirkung hatten. “Der Narr erschien als Antitypus zum weisen und gerechten König”. Er sollte den Herrscher auf sittliches Handeln auf Weisheit und Demut hinweisen. Warum, so muss man sich demnach fragen, verlernen so viele Menschen mit zunehmendem Alter das zu sagen, was sie denken und so zu handeln, wie sie fühlen? Warum verbietet man es sich, Narr zu sein oder Kind zu bleiben? Wer hat den Mut zum farbenfrohen, närrischen Antitypus zu den sogenannten „weisen und gerechten Herrschern“ in unserer manchmal allzu blass anmutenden Gesellschaft? Schon Oscar Wilde (1854-1900) wusste: “In Prüfungen fragen Narren, worauf Weise keine Antwort haben“. Ein für das Leben erhellender Merksatz, wie ich meine.

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