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Conchita for President!

Es ist knapp zwei Wochen her, als ich irgendwo am Gate F des Wiener Flughafens auf den Abflug Richtung Köln wartete. Ich verkürzte mir die Zeit mit der Beantwortung von E-Mails, als meine Konzentration durch das Getümmel rings um mich plötzlich durchbrochen wurde. Fotografen marschierten auf, ein Kameramann samt Gefolgschaft stand plötzlich schräg gegenüber von mir in dieser kargen und in dunkler Farbe gehaltenen Abflughalle, während ich von meinem Sitzplatz aus die Szenarie beobachtete. An den Laptoptaschen einiger Männer und Frauen war das ORF Logo zu erkennen. Ein älterer Mann schleppte eine große Schachtel, eine Frau tat es ihm gleich und kam hastigen Schrittes mit einer Tafel unter dem Arm geklemmt an den Ort des Geschehens. Alle versammelten sich an jenem Counter, wo die Passagiere auf den Start der Maschine mit der Zieldestination Kopenhagen warteten. Und da erschien wie aus dem Nichts eine großgewachsene Person, auf die sich die Blicke der wartenden Frauen und Männer richteten. Das Haar glatt gekämmt, ein schwarz-weiß gestreiftes, bauchfreies Top und eine ebensolche Hose umhüllten die anmutig dahin schreitende Person. Es war Conchita Wurst, die mit freundlichem Ausdruck einige Personen in meinem Blickwinkel begrüßte, um dann auf einem der Sitze Platz zu nehmen. Als das Boarding begann, war sie dann eine der letzten Personen, die sich Richtung Flugsteig begab. Und während der Künstler im Dunkeln der Fluggastbrücke verschwand, war ich dabei, seine Person zu googeln. Ich kannte sein Gesicht aus den Medien, wer oder was er ist und war musste ich erst nachlesen, wahrgenommen hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur ihren Bart.

Gestern Abend war ich auf der Rückreise in meine Heimat aus dem deutschen Potsdam, wo ich die letzten beiden Tage bei einer großen Konferenz verbracht hatte, um über – sie werden es nicht erraten – das Scheitern zu sprechen. Um mir die Zeit zu verkürzen, habe ich verschiedenste Medien der letzten Tage nachgelesen, Österreichs Songcontest Teilnehmer war dabei nicht zu übersehen. Aufgefallen sind mir einige Geschichten, in denen die Lebensweise des 1988 als Tom Neuwirth geborenen Künstlers kritisch hinterfragt wurde. Der Kabarettist Alf Poier ist nur einer von vielen, die offensichtlich intellektuell im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen sind und nicht akzeptieren können oder wollen, dass zumindest in unseren Breiten jeder Mensch seine geschlechtliche Neigung so ausleben darf, wie er möchte. Dass die Toleranz meist bei jenen nicht besonders ausgeprägt ist, die sie bei jeder Gelegenheit von den jeweils anderen einfordern, beweist Österreichs Vertreter beim Songcontest 2003 mit seinem seltsam anmutenden Aussagen, wie „Wenn jemand nicht weiß, ob er ein Manderl oder ein Weiberl ist, dann gehört er eher zum Psychotherapeuten als zum Song Contest“. Eine Kompetenzvermutung in Sachen Respekt war das gerade nicht. Egal, nicht nur diese, sondern auch andere Anfeindungen hat die nunmehrige Siegerin des Grand Prix Eurovision de la Chanson 2014 souverän weggesteckt! Und da können viele Menschen von der 26jährigen Kunstfigur etwas lernen, allen voran die Politiker!

Wann haben die Frauen und Männer, die in den Regierungen und Parlamenten sitzen, letztmalig Positionen vertreten, die nicht die Mehrheit repräsentieren, aber möglicherweise ein wichtiger gesellschaftlicher Appell sind? Wann sind unsere Politiker zu guter Letzt für eine Sache eingetreten, die nicht im Kniefall vor dem Boulevard geendet hat, sondern ein klares Signal für Minderheiten gewesen sind? Wann haben diese, meist mit dem wirklichen Leben gar nicht in Berührung kommenden „Abstimmungsmaschinen“, eine klare Botschaft an das Volk gesendet, dass es sich lohnt, eine Haltung einzunehmen? Wann haben diese angeblichen Volksvertreter uns Wählern klare Standpunkte kommuniziert und auch vorgelebt, die nicht bei erster Gelegenheit wieder ausgetauscht und einer Beliebigkeit angepasst wurden? Conchita Wurst´s Siegerlied habe ich erstmalig gehört, nachdem sie den seit 1956 bestehenden internationalen Musikwettbewerb für Österreich gewonnen hat. Eine künstlerische Bewertung ihres Liedes Rise Like a Phoenix erlaube ich mir nicht, wohl aber eine persönliche. Wenn ein junger Mensch diesem Druck standhält, wenn eine Person einem Millionenpublikum vorlebt, “dass man das, was man sein will, sein kann” und nicht so zu funktionieren hat, wie es die vermeintliche Mehrheit meint, dann ist man ein Vorbild in jeder Hinsicht. Nämlich ein Maßstab in Sachen charakterlicher Standhaftigkeit und einer gelebten Überzeugung. Damit hat sie der Mehrheit der uns regierenden Politiker eindeutig etwas voraus. 2016 endet die zweite Amtszeit unseres Bundespräsidenten Heinz Fischer. Conchita Wurst sollte dieses Amt übernehmen, sie hat allen bislang genannten Nachfolgekandidaten einiges voraus!

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