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Gegenderte Gegenstücke

Es ist schon beachtlich, was sich da seit Tagen rund um die nicht gesetzeskonforme Wiedergabe der Österreichischen Bundeshymne bei einer Privatveranstaltung durch den “Volks-Rock’n-Roller“ Andreas Gabalier im wahrsten Sinn des Wortes abspielt. Ich konnte nicht eruieren, welches Strafausmaß das heimische Gesetzesbuch für derlei Rechtsbruch vorsieht, aber so einfach sollte man nicht zur Tagesordnung des sonst problem- und weitestgehend schmerzbefreiten Alpenlandes übergehen. Ist doch das politische Lebenswerk von Maria Rauch-Kallat bedroht, die von ihrem blaublütigen Ehemann in aller Öffentlichkeit auch nicht gerade gendergerecht „Alte“ genannt wird. Und nachdem der hauseigene Graf der ehemaligen ÖVP-Politikerin schon 2012 in aller Deutlichkeit vermittelt hat, die Bundeshymne bestimmt nicht „neu“ zu singen, könnte man ja fast vermuten, Alfons Mensdorff-Pouilly wollte seiner “Alten” eines auswischen und hat gemeinsame Sache mit dem Volksmusiker gemacht. Dieser Aspekt wurde bislang nicht ausreichend besprochen, wäre aber durchaus einer näheren Betrachtung wert, ist doch der “Herzbube” der ehemaligen Ministerin “Graf Ali” spezialisiert auf Geschäfte mit Raffinesse und Phantasie.

Ich persönlich finde es ja gut, dass ob der weitreichenden Problematik wiederum Menschen das Licht des öffentlichen Diskurses erblickt haben, die sonst ob ihres Themensettings kaum bis gar nicht wahrgenommen werden. Mich wundert nur, dass noch nicht der 8. März erneut im Juli ausgerufen wurde, weil ein Volksmusiker am Rande eines Autorennens die entscheidende Passage der aktuellen Nationalhymne weggelassen hat. Jenes Textes, den angeblich nicht mal die für Bildung zuständige Ministerin fehlerfrei schreiben kann, wenn man den Kommentaren im Internet zu Interpunktion und Rechtschreibung der von ihr vorgelegten Lernhilfe glauben schenken darf. Auch egal, der Anlass von Gabaliers gesanglicher Entgleisung war kein Staatsempfang, sondern ein “im Kreis fahren” (© Niki Lauda), auch das wird gerne übersehen. Aber vielleicht sollte man im Paradeland der anlassbezogenen Politik diesen Fall als Legitimation dafür heranziehen, um alle häuslichen Sangesdarbietungen zwischen Grinzing und Gamlitz im Sinne der politischen Korrektheit zu überprüfen. Das wäre wieder mal ein engagiertes Projekt im Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik, wo viele der ambitionierten mit “dem Finger immer auf die anderen Zeiger” ein weites Betätigungsfeld eröffnen könnten. Eine Political Correctness Task-Force sollte der Beginn sein, eine vom patriarchalischen Müll gesäuberte Heimat das Ergebnis.

Es ist gut und richtig, dass jeder Text von vorne bis hinten so richtig durchgegendert wird, und es ist noch besser, wenn am Ende der Mehrheit in diesem Land jener Stellenwert eingeräumt wird, den sie verdient. Unseren Müttern, Frauen, Töchtern, Enkelinnen, Cousinen, Tanten, Schwiegermüttern und sonst all jenen Menschen, die das geschlechtliche Gegenstück zum Mann darstellen! Man könnte an dieser Stelle noch anmerken, warum im 21. Jahrhundert angekommen, nicht auch alle Transsexuellen im sogenannten “Bundeslied” ihren Platz finden, einer Melodie, die übrigens von Paula Preradović, einer österreichischen Lyrikerin und Schriftstellerin serbischer Herkunft, getextet wurde. Ich will ja nicht ätzen, aber der Text stammt nicht von einem dieser Gott-sei-bei-uns-Typen, die nur wie ahnungslose Ochsen vor dem Tor einer gegenderten Zukunft stehen und Realitäten nicht akzeptieren wollen. Im Zeitalter der Gleichberechtigung können sich – glücklicherweise – gewisse kleine Unterschiede nicht beseitigen lassen, aber es sollten derlei Debatten um einiges unaufgeregter geführt werden. Das würde die tatsächliche frauenpolitische Problemlage vom Kopf auf die Füße stellen und der Gleichberechtigung einen größeren Dienst erweisen!