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Bildungspolitischer Hausverstand

Kennen Sie Herrsching am Ammersee? Mir war bislang die knapp 10.000 Einwohner zählende Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Starnberg nicht bekannt. Auf Wikipedia habe ich mich über ein paar erwähnenswerte Details informiert. So wohnte in dem 35 Kilometer südwestlich von München gelegenen Ort Hans Baur, der einstige Chefpilot von Adolf Hitler, wie in der Liste der “Bekannten Persönlichkeiten” nachzulesen ist. Jetzt könnte man natürlich die Frage stellen, was den ehemaligen SS-Gruppenführer und Führer der Flugstaffel „Reichsregierung” auf den selben Index bringt, wie Christian Morgenstern, einen wohl wirklich bedeutsamen Sohn der am Ostufer des Ammersees liegenden Kommune. Egal, irgendwer wird sich dabei etwas gedacht haben, oder auch nicht, lautet die für mich eher naheliegende Vermutung. Meinen Fokus auf diese 776 erstmalig erwähnte Ortschaft habe ich aus anderen Gründen dorthin gerichtet.

Ein Stopover am Flughafen München hat mir die Lektüre des “Münchner Merkur” beschert, eine seit 1946 erscheinende Tageszeitung, die ich sonst nicht zu meinen bevorzugten Medien zähle. Darin lese ich eine Geschichte über die Fachtagung der Landfrauen des “Bayerischen Bauernverbandes”,  die in Herrsching am Ammersee dieser Tage stattgefunden hat. Und dort wurde aus meiner Sicht eine der ziemlich besten bildungspolitischen Forderungen erhoben, von denen ich in letzter Zeit gehört oder gelesen habe. Die Präsidentin des deutschen Landfrauenverbands, Brigitte Scherb, erzählt den rund 160 weiblichen Teilnehmerinnen der Konferenz von ihrer Kindheit und der elterlichen Landwirtschaft in Hessen. “Mein Bruder und ich waren in die tägliche Arbeit fest eingebunden, wir mussten viel tun, was gerade anfiel, lernten Verantwortung zu übernehmen. Es war eine wichtige Basis für unser späteres Leben. Das Wissen über Ernährung, Umwelt und Finanzen und soziale Kompetenz.” Früher wurden diese verantwortungsvollen Kompetenzen maßgeblich im Elternhaus vermittelt. Heute findet die Vermittlung dieses Wissens nirgendwo mehr statt, daher sollte es ein Schulfach Lebens- und Alltagsökonomie geben, so die Schlussfolgerung der Präsidentin Jahrgang 1954.

Wenn ich mir aktuellen gesellschaftlichen Debatten vergegenwärtige, was sind die Problemfelder? Die Menschen, insbesondere die Jugendlichen, werden laut internationalen Studien immer dicker, ein wenig Ernährungsunterricht könnte diesem Umstand vielleicht wirkungsvoll entgegenwirken. Die Schuldenfalle betrifft immer mehr Mädchen und Burschen. Wie wäre es mit ein wenig Nachhilfe in Sachen Eigenverwaltung und Umgang mit Geld? Wo gibt es Sensibilität für die Umwelt, außer jener, dass der jeweils andere das erledigen soll, was einem selbst zu mühevoll erscheint? Und von der fehlenden sozialen Kompetenz ganz zu schweigen, die in der heranwachsenden Generation eher mangelhaft ausgeprägt ist, würde ich meiner Beobachtung nach meinen. Zumindest wenn wir uns darauf verständigen, dass die soziale Expertise mehr umfasst, als die Bedienung von Facebook, Twitter und Co., stumm hinter einem Computer sitzend. Wie wäre es mit der Entrümpelung von Stundenplänen, um für die praktischen Dinge des Lebens Platz zu machen? Vielleicht sollte die Präsidentin des deutschen Landfrauenverbands einmal einen Festvortrag bei einer akademischen Fachkonferenz über die Zukunft der Bildung halten, damit “Stundenplanbefüller“ nachhaltig ermutigt werden,  den Fokus auch auf jene für das Leben unerlässlichen Themenfelder zu legen, die Menschen jenes Wissen theoretisch vermitteln, für das sie unter Garantie Anwendung in der Praxis finden.

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