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Gegen die Entmenschlichung!

Vor einigen Tagen war ich bei einer großen Gala eingeladen. Ein traditionsreiches Unternehmen hatte zu einem Event gebeten. Die Veranstaltung war eher langatmig, meine Sitznachbarn am festlich gedeckten Tisch ebenso. Eine junge Kellnerin, ausländischer Herkunft, großgewachsen, blond, freundlich, zuvorkommend, den Gästen jeden Wunsch von den Augen ablesend, hat sich als Servicekraft im besten Sinn des Wortes erwiesen. Irgendwie kamen wir ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie eigentlich studiert, noch 2 Semester vor sich hat, um dann als angehende Betriebswirtin in der Berufs- und Arbeitswelt ihr Glück zu finden. Diesen Job bei einem Caterer muss sie bewältigen, um die Kosten des Alltags irgendwie bestreiten zu können. Wenn sie genug Stunden “abgedient” hat, dann kommt sie einigermaßen über die Runden. Für einen Pauschalbetrag von 8 Euro in der Stunde, wie sie mir später erzählte, arbeitet sie oft jeden Abend bis in den Morgen des nächsten Tages hinein. Alleine für die gereichten Weine muss sie etwa 3 Stunden pro Flasche arbeiten, wenn sie diese von ihrem Lohn kaufen möchte, denke ich mir. Für den Erwerb der servierten Hauptspeise des Galadinners werden es ihrer Bezahlung entsprechend noch immer 2 Stunden sein, in denen sie Teller schleppt, Gläser trägt und Wünsche der Besucher erfüllt.

In meinem Blickfeld sitzen bei der Festveranstaltung der Bundeskanzler, Minister, Wirtschaftsbosse, als der Gastgeber des Abends in seiner Begrüßung vom besten Betriebsergebnis in der Geschichte seines Unternehmens spricht. Unter dem Applaus des Publikums versichert er, den eingeschlagenen Weg der Rationalisierung und Optimierung konsequent fortzusetzen. Im Klartext heißt das auf die Praxis umgelegt, teures “Humankapital” gegen billiges auszutauschen oder noch besser durch eine Maschine zu ersetzen und im Idealfall die menschliche Arbeitskraft überhaupt aus dem Stellenplan zu streichen. Wenn die Entscheidung noch zu Gunsten eines neuen Mitarbeiters und gegen einen Roboter getroffen wird, dann wird sich gewiss jemand finden lassen, der noch billiger ist, der noch mehr unter noch schlechteren Bedingungen bereit ist zu arbeiten: ein Arbeitssklave des 21. Jahrhunderts, der willens ist, Tag und Nacht zu schuften, der sich selbst versichert, der sich nicht getraut in den Krankenstand zu gehen, der keine Pause benötigt, der alles bis zur Selbstaufgabe gibt, um überleben zu können. “Die Not des anderen erträgt man mit Geduld”, bemerkte bereits im vorletzten Jahrhundert der brasilianische Schriftsteller Joaquim Maria Machado de Assis (1839 – 1908) so trefflich. Aber was passiert, wenn kein Mensch mehr gebraucht wird, weil alle Arbeiten von Maschinen erledigt werden können, wenn selbst die Optimierer irgendwann wegrationalisiert werden? Der Gründer des berühmt berüchtigten Computerproduzenten Foxconn, Terry Gou, legte schon 2012 die Marschrichtung zur weiteren “Entmenschlichung” fest, für die er sicherlich bereitwillige Nachahmer finden wird. Laut eigenen Angaben werden in sein Unternehmen innerhalb von 2 Jahren in 1 Million Roboter investiert, um die weiter steigenden Lohnkosten zu bekämpfen und um zusätzliche Optimierungspotenziale generieren zu können, so der wenig optimistische Ausblick.

Aus unserer geografischen Perspektive heraus betrachtet ist ein Fingerzeig auf die Arbeitsbedingungen im “Reich der Mitte” gar nicht nötig. Schon im näheren Umfeld kann man sich ein Bild darüber machen, was es in tragischer Konsequenz bedeuten kann, zu den Betroffenen einer “erfolgreich” implementierten Optimierungsstrategie zu gehören. Bei der France Telecom etwa haben sich zwischen 2008 und 2010 30 Mitarbeiter das Leben genommen, nachdem ein Programm rigoroser Arbeitsplatzflexibilität eingeführt worden war. Dieses Dumping, das im Englischen das Abladen von Müll bedeutet, steht bei uns als Synonym für die weitere Entwertung des Menschen. Ein wahrer Regelungswahn der Politik verfolgt die Bürger. Alles und jedes muss irgendwie genormt und vor allem bei Nichteinhaltung mit einem umfangreichen Sanktions- und Bußgeldkatalog versehen werden. Aber an Ideen und konkreten Initiativen der Politik, die das Menschsein in einer der reichsten Gesellschaften für eine immer größer werdende Zahl von “Ausgebeuteten” wiederum menschlicher macht, da fehlt jede Idee, jede in die Zukunft gerichtete Debatte. Ich möchte mich mit meinen Gedanken nicht klassenkämpferisch verstanden wissen. Aber die Frage sei erlaubt, ob es wirklich zwingend notwendig ist, dass sich die rechtlichen und materiellen Bedingungen permanent so ändern müssen, dass immer mehr Menschen von der Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand ausgeschlossen werden? Ist es einer gesellschaftlichen Elite rühmenswert, tatenlos zuzusehen und im Stillschweigen zu verweilen, während die Ungleichheit immer größer wird? Derlei Verhalten ist einer Gesellschaft unwürdig und wird die Entmenschlichung noch weiter voranschreiten lassen. Wollen wir das wirklich? Ich ganz gewiss nicht!

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