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Ihr braucht mir nicht zu folgen!

Wenn in diesen Tagen Millionen von gläubigen Menschen zuerst den Tod von Jesus Christus betrauern, um dann seine Auferstehung zu feiern, dann ist der Höhepunkt der 40tägigen Fastenzeit erreicht. Meine Agentin Brigitte Cernohorsky hatte dieser Tage zu mir gemeint, dass ich wieder mal einen Blog zum Thema “Scheitern” verfassen sollte, die Osterwoche wäre dafür ein geeigneter Zeitpunkt. Wie recht sie hat, doch wie nähert man sich der Frage des “Scheiterns” zu den höchsten christlichen Feiertagen? Meine blasphemischen Gedanken wurden mir sekündlich offenbart, da ich in meinem Kopf mit Kirche, Leid und Auferstehung Monty Python´s Standardwerk für spirituelle Etikette “Das Leben des Brian” assoziiere. Die 1979 in Tunesien produzierte Satire, die den Originaltitel “Monty Python’s Life of Brian” trägt und die Geschichte des naiven und unauffälligen Brian erzählt, der zur gleichen Zeit wie Jesus geboren wurde, sorgte schon während der Dreharbeiten für eine Reihe wütender Proteste. Die religiöse Organisation “Nationwide Festival of Light” konnte damals vor englischen Gerichten die erste Verurteilung wegen Blasphemie seit 55 Jahren erreichen. Und die Zensurbehörde “British Board of Film Censors” (BBFC) warnte: “Sie wissen selbst um die Folgen heimtückischer Schmähungen Gottes, Christi und der Bibel.” Mit Flugblättern wurde unter anderem darauf hingewiesen, dass die Schlussszene des Films, in der schließlich alle zum Tode Verdammten beschwingt zum “Always Look on the Bright Side of Life“ anstimmen, die Kreuzigung zur Karikatur verkommen lässt. Obwohl Millionen von Menschen rund um den Globus den Film gesehen haben, sind alle Befürchtungen der Amtskirche nicht eingetreten. Der Glaube ist am Glauben nicht gescheitert, noch immer werden Kreuze an die Wand genagelt.

Ein zweiter Gedanke geht mir durch den Kopf. Vor einigen Jahren wurde ich eingeladen, um bei der österreichischen Diözesandirektoren-Konferenz zum Thema “Kirche und Kundenmanagement” zu sprechen. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt eine Reihe von Kundenbindungsprojekten beraten und so wurde mir diese Ehre zuteil, im Bildungshaus Sankt Virgil in Salzburg vor einem erlauchten Kreis zu referieren. Tagelang beschäftige mich die Frage, was ich dem Management der Gotteshäuser erzählen sollte. Einige Tage vor meinem Vortrag fiel mir in meiner Lieblingsbuchhandlung ein Buch mit dem Titel “Jesus wäscht weißer – Wie die Kirche das Marketing erfand” zufällig in die Hände. Der italienische Medienphilosoph Bruno Ballardini beschreibt darin sehr anschaulich die Strukturen und Rituale der Kirche von der Antike bis heute im Lichte der Werbung. Dieses Buch hat mich binnen Stunden zum wirklichen Experten in Sachen Kirche und genialer Vermarktungsstrategien gemacht. In meinen Vortrag konnte ich Floskeln einbauen wie “Ich erzähle Ihnen sicher nichts Neues, aber sie schließen mit ihrer heutigen Debatte an eine Tradition an, die Gregor XIII begründete, indem er erstmalig um 1575 permanent Kardinäle in Rom zum Thema Vertrieb Ideen erarbeiten ließ.” In dieser Tonart referierte ich weiter, ich überforderte mein Publikum mit der Nennung kleinster Details aus irgendwelchen “kirchlichen Vertriebskonzepten” unter Nennung der jeweiligen Initiatoren, meist in der Funktion eines Papstes. Mein in Rekordzeit angelesenes Expertenwissen hatte ich dem mir bis zum damaligen Zeitpunkt unbekannten Philosophen zu verdanken. Auf etwas mehr als 170 Seiten kann man in dem 2005 veröffentlichten Buch nachlesen, wie kirchliche PR- und Vertriebskonzepte ineinandergreifen. Die einfache, aber wirkungsvolle Vertriebsformel, sozusagen das Geschäftsprinzip, ist die Erzeugung des Schuldgefühls bei den potenziellen Kunden. Dazu gehört ebenso die Etablierung eines zeitlosen Symbols, nämlich des millionenfach reproduzierten Kreuzes. Ballardini* fragt arglos: “Wie hätte das Objekt wohl ausgesehen, wäre Jesus gehängt oder geköpft worden?” Um dann sinngemäß weiter zu fragen “Wie schafft es ein Marketing, die Menschen davon zu überzeugen, den Leib Jesu zu essen und sein Blut zu trinken?” Berechtige Fragen, wie ich meine, die sich hier aus kommunikativer Sicht auftun. Aber es zeigt sich, dass der unveränderte Markenkern von Jesus, der gleichsam Erfolgsgarant ist, dass die gut erzählte Story über ihn schon Jahrtausende überlebt hat und auch in weiteren tausend Jahren nicht gescheitert sein wird. Und während ich gerade an das „Halleluja“ bei der Segnung des Osterschinkens denke, fällt mir nochmals eine Szene aus “Das Leben des Brian” ein. Die große Anhängerschar Brians folgte ihm bis zum Schlafzimmerfenster. Irritiert von der Verehrung, die sie ihm entgegenbringt, erklärt er der gläubigen Menschenmasse: “Ihr braucht mir nicht zu folgen. Ihr braucht niemandem zu folgen. Ihr seid alle Individuen. […] Lasst euch von niemandem sagen, was ihr zu tun habt.“ Ich finde, dass das eine sehr gute Formel ist, um seinen eigenen Weg zu finden. Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit zählt sicher zu den wirkungsvollsten Maßnahmen, um nach Phasen des Scheiterns wieder den Weg aus der Krise zu finden. Oder um seine eigene Auferstehung feiern zu können – wenn man es der Osterzeit angepasst formuliert.

*http://www.taz.de/1/archiv/

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Comments 2

  1. abenragel

    Lieber Gerhard, die Geschichte von Ostern erzählt – ganz unabhängig von aller katholischen Dogmatik, zuweilen aber durchaus im Konsens mit ihr – die Geschichte von Scheitern und Überwindung des Scheiterns, die mich sehr bewegt. Der Karsamstag ist für mich entsprechend der bewegendste Tag des Kirchenjahres, denn es ist an diesem Tag, an dem sich der Umschwung vom Scheitern zum Neuanfang vollzieht. In der Liturgie der katholischen Kirche passiert eigentlich etwas Ungeheuerliches: der Tabernakel, als Ort der Gegenwart Gottes, ist leer. Es ist der einzige Tag, an dem der gläubige Katholik sich beim Betreten der Kirche nicht niederknien muss. Diesen Tag positiv zu deuten, hat sich die katholische Theologie nicht leicht gemacht; die Theologie des Karsamstag von Hans Urs von Balthasar ist eines der wenigen, aber auch beeindruckenden Beispiele. Wer einmal gescheitert ist, der kennt diesen Augenblick der Leere sehr genau, und er wird ihn nie vergessen. Wer etwas über das Scheitern sagen will, muss auch von diesem Augenblick sprechen. Theologisch sagt man, dass Jesus „in das Reich des Todes hinabgestiegen ist“. Das kann man deuten als Konfrontation mit der Tatsache, dass das eigene Projekt, die eigenen Hoffnungen, die eigenen Ideen und Weltsicht in der wirklichen Welt keine Rolle mehr spielen. Die Erkenntnis um die Nichtigkeit der eigenen Konzepte ist, glaube ich, ein wichtiger Schritt, nach dem Scheitern wieder neu anfangen zu können. Nach der Demütigung des Scheiterns wieder Ja zu sich sagen zu können, diesmal befreit von falschen Ideen, führt zu Leben – auch das ist eine scheiterwissenschaftliche Botschaft von Ostern. Vielleicht ein wenig zu theologisch? Frohe Ostern

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  2. scheucher

    vielen dank für diese wirklich schöne theologisch-scheiterwissenschaftliche fussnote! ebenso schöne ostern!

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