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Ein Jahr wie im Flug

Dieser Tage war vom Vorstoß des VW-Betriebsrates zu lesen, E-Mails künftig nach Dienstschluss nicht mehr an die Mitarbeiter weiterzuleiten. Ich finde das einen vernünftigen und logischen Schritt in unserer ultrabeschleunigten Gesellschaft, in der Kommunikation zu jeder Tages- und Nachtzeit immer und überall stattfindet. Und das obwohl nirgendwo auf der Welt das entsprechende Beschleunigungsmanagement für diese Art Leben gelehrt wird. Ich nehme mich da selbst gar nicht aus. Aber in den Tagen rund um Neujahr lege ich aus Tradition eine Vollbremsung hin, versuche den Stress des Jahres auszublenden und wieder runterzukommen. Und das nicht nur metaphorisch gesprochen. Im vergangenen Jahr war ich sehr viel in der Luft, an die 60 Flüge habe ich hinter mich gebracht. An einem typischen Arbeitstag trabe ich frühmorgens von meiner Wohnung zur U3-Station Volkstheater, fahre zur Landstraße, nehme den CAT zum Flughafen, um dann ein paar Stunden später, irgendwo auf der Welt aufzusetzen. Und ich weiß nicht, liegt es an der Höhenstrahlung oder an der Enge einer Flugzeugkabine, aber ich habe im Laufe dieses Jahres viele skurrile, nette und lustige Dinge „an Bord“ erlebt. Die Eindrücke und Bilder von diesen vielen Reisen entstehen durch Beobachten, durch zufällig aufgeschnappte Wortbrocken eines Sitznachbars. Ein paar Highlights, quasi als persönliche Jahresrückblende aus der Vogelperspektive, möchte ich Ihnen, geneigte Leserinnen und Leser meiner kleinen Kolumne nicht vorenthalten.

1
Erste Reihe fußfrei im 6 Uhr Flieger nach München, es ist Anfang Jänner. Links neben mir nehmen zwei Männer Platz. Der eine: Typ Superchecker mit einfachem Gemüt. Lange blonde Haare mit Föhnwelle, Ledermantel bis zum Boden, auffällige Stiefel. Der andere: Typ Vorstadtanwalt, total bieder im Vergleich, grauer Anzug, eher nicht aus der Abteilung Maßkonfektion. Unsere Plätze waren durch den Mittelgang getrennt. Noch bevor die Maschine abhebt, beginnen die beiden eine Debatte über Restaurants. In Folge stellen sie den gesamten Flug über Bewertungen für einen bekannten internationalen Gourmetführer an. Die Beurteilung der Restaurants erfolgte in etwas so “Also, den hau ma heuer a mal eini, der soll spüren, dass seine Kochkünste nicht in den Himmel wachsen. Der gehört eh einmal ein wenig runtergeholt.” Oder “Der kann zwar nicht kochen, aber der behandelt uns immer gut.” In dieser Tonart ging es den gesamten Flug weiter. Seit diesem Erlebnis greife ich kaum noch auf derartige Fressbibeln zurück. Ich esse was und wo es mir schmeckt. (Im Übrigen achte ich auch in anderen Fragen des Lebens auf Selbstbestimmung.)

2
Mitte Feber in der Nachtmaschine von Singapure Airlines Richtung Shanghai. Wenn man einmal mit einer Linie wie dieser geflogen ist, möchte man nie mehr einen Langstreckenflug bei Lufthansa oder Austrian Airlines buchen. Es ist gegen 22.00 Uhr, ein Wochentag, hunderte Menschen drängen in das Flugzeug am Frankfurter Flughafen. Ich bin schon gespannt, wer mein Sitznachbar sein wird. Eine großgewachsene Blondine, grell geschminkt, in Begleitung eines kleinen Mannes nimmt neben mir Platz. Auffällig ist, dass “die Schönheit” von Beginn an Bier aus Dosen trinkt und das Motorrad-Magazin “Streitwagen” liest. Ich bin müde vom Tag und schlafe den 10 Stunden Flug nahezu durch. Wach werde ich dadurch, dass ich einen Kopf an meiner Schulter spürte. Ich schrecke aus dem Schlaf auf, meine blonde Sitznachbarin wird auf die Seite gebeutelt. Sie dreht sich zu mir und sagte “Guten Morgen, ich bin der Ernst. Ich dachte, dass sei die Schulter von Horst gewesen.”

3
Anfang Mai fliege ich zu einem Vortrag nach Berlin. Im Bus, der die Passagiere zum Flieger bringt, stehe ich plötzlich einer Frau gegenüber, die einen auffällig großen Ring trägt, großer grüner Stein, darauf hinter Plexiglas ein weißes Pulver, das mit ihren Handbewegungen hin und her rutscht. Ich sage: „Wenn ich von der Drogenfahndung wäre, sie würden niemals in den Flieger kommen.“ Rotes Gesicht, unvergesslich! Die Maschine steht ewige Zeiten am Rollfeld und will nicht abheben, ich lese die Unterlagen für meinen Vortrag. Ich war Gast eines Pharmakonzerns und sollte über die Lust am Nichtrauchen sprechen. Ich habe ein Chart auf den Beinen vor mir, ein Plakat mit der Aufschrift  „Unser Früher Adolf Hitler trinkt und raucht nicht.“ (Die wenigsten Menschen wissen, dass die Nazis die erste Nichtraucherbewegung als Partei waren.) Da wendet mein Sitznachbar das Wort an mich: „Bin ich jetzt ein Nazi, weil ich nicht rauche?“

4
Ein Tagesausflug führt mich im Juli nach Barcelona, um für einen Vortrag zu trainieren. Die Stadt ist von ihrer Mentalität Lichtjahre von uns entfernt, dabei dauert der Flug nur unwesentlich länger als nach Hamburg. Um 6.20 Uhr rollt die Maschine auf die Startbahn, ich sitze in Reihe 3, zwischen mir und meinem Sitznachbarn ist ein Platz frei. Ich bin beim Sinkflug auf Barcelona in die Zeitungen vertieft, die Maschine setzt zur Landung an und zieht im letzen Moment nochmals hoch, da eine Staubwolke die Sicht auf die Landebahn unmöglich machte wie der Pilot später den irritierten Passagieren mitteilte. Mein Sitznachbar wendet sich zu mir und sagt: „Da war Allah nochmals gnädig.“

5
Mein Sommerurlaub Ende Juli war eher turbulent, da es im Geschäft rundging. Ich verbrachte einige Tage in der Toskana und musste dann zurück nach Wien. Von Rom hebe ich am Abend Richtung Wien ab, um am nächsten Tag ein paar Termine wahrzunehmen. Die Reise hätte ich mir bis auf ein Highlight sparen können. Denn beim Rückflug sagt die Stewardess zu mir: „Sie sind doch Gerhard Scheucher? Ich habe ein Buch von Ihnen gelesen!“ Eine Premiere und zudem Balsam für die Seele.

6
Am 26. Oktober 2011, wir feierten Nationalfeiertag in Österreich, fliege ich frühmorgens von Hamburg nach Wien. Am Tag davor besuchte ich einen Redakteur beim Magazin “Der Spiegel”, am Abend hatte ich einen tollen Vortrag gehalten, so zumindest die Meinung der Teilnehmer. Zu einer mehr als unchristlichen Zeit besteige ich das Flugzeug, die Maschine ist übervoll. Neben mir sitzen ein Mann und eine Frau, die noch vor dem Take Off einen Streit beginnen. Die Uhr zeigt 6.50 Uhr morgens. Thema des Streits ist “Shopping”. Die beiden befetzen sich aufs heftigste, nicht nur ich, sondern auch die anderen Passagiere werden auf das Pärchen aufmerksam. Plötzlich erfasse ich den Kernpunkt der Auseinandersetzung: Die Dame unterstellt ihrem Partner, mit ihr nur deshalb an diesem Tag nach Wien zu fliegen, da Feiertag sei und er sich damit das Geld für ihre Einkäufe erspare…

7
Ende Dezember, ich sitze im Flugzeug von Wien nach Düsseldorf. Es ist später Vormittag, als ich in die deutsche Modemetropole aufbreche. Das Wetter ist schlecht, die Stimmung im Flugzeug ebenso. Neben mir sitzt eine junge Dame mit einem dicken Buch in der Hand. Ein 300-Seiten-Wälzer, um sich für den Aufnahmetest als Flugbegleiterin vorzubereiten. Vielleicht ist die Tätigkeit des Kabinenpersonals doch nicht so banal wie man meinen möchte, denke ich bei mir. Da richtet plötzlich die Sitznachbarin auf der anderen Seite das Wort an die junge Frau:“Warum lernen sie all das?  Runter gekommen ist noch jeder…“ Vielleicht ist das der Pragmatismus, den man manchmal im Leben braucht…

Ob über den Wolken die Freiheit wirklich grenzenlos ist, wie es Reinhard Mey einst formulierte, vermag ich nicht zu  beurteilen. Aber ich bin dankbar, dass ich in diesem Jahr neben einer geschäftlichen Berg- und Talfahrt, auch viel Schönes erleben durfte und gesehen habe. Ein Freund sagt einmal zu mir “Ideen kommen und gehen, Geschichten bleiben!” In diesem Sinne freue ich mich auf viele Geschichten im Jahr 2012 und wünsche Ihnen allen einen tollen Start ins neue Jahr!

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