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Ein Hausbrand für Ulrich Wickert

Der langjährige Anchorman der ARD-Nachrichtensendung Tagesthemen, Ulrich Wickert, wagte 1984, während seiner Zeit als Leiter des Pariser ARD-Studios, einen spektakulären Selbstversuch. Ohne auch nur ein einziges Mal nach rechts oder links zu sehen überquerte Wickert den Place de la Concorde, einen der Hauptverkehrsknotenpunkte der Seine-Metropole. Der Journalist ging einfach mit gleichbleibender Geschwindigkeit, den Blick stets nach vorne, durch den fließenden Verkehr, der sich am Place de la Concorde immerhin über 8 Spuren ausbreitet. Das Ergebnis war verblüffend: Niemand hupte oder schimpfte. Offenbar konnten die französischen Autofahrer nicht annehmen, dass er auf sich selbst achtete und waren daher gezwungen, ihre Fahrweise anzupassen. Stichwort Rücksicht.

Das selbe Prinzip macht sich das Verkehrskonzept „Shared Space“ zunutze, das jetzt im steirischen Gleinstätten mit einem Pilotprojekt für Österreich gestartet wurde. Dabei wird der öffentliche Raum unter allen Verkehrsteilnehmern aufgeteilt – die Gehsteige und Straßen verschmelzen zu einer einzigen Verkehrsfläche. Gleichzeitig verschwinden Verkehrszeichen, Bodenmarkierungen und Ampeln. Hintergrund des Konzepts ist es, die Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer zu erhöhen. Autofahrer und Fußgänger halten Blickkontakt und verständigen sich durch Gesten. Das Konzept wurde in holländischen Kleinstädten hundertfach erprobt und – funktioniert. Die Geschwindigkeit in den Ortsgebieten wurde geringer, die Unfallzahlen nahmen drastisch ab. So weit so gut. Daraus würde jetzt also folgen: Deregulierung führt zu mehr Rücksichtnahme, fördert die Kommunikation unter den Verkehrsteilnehmern und animiert womöglich noch zu selbständigem Denken!

Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein und ermutigt mich zu einem kühnen Gedankenexperiment. Was wäre, wenn man dieses Prinzip der radikalen Deregulation auch auf andere gesellschaftliche Bereiche ausdehnen würde? Ich denke da zum Beispiel an die freie Wahl der Krankenversicherung, an individuelle Förderung von Kindern statt stupider 0815-Lehrpläne, an die Aufhebung des Schulsprengels und Einführung von Bildungsgutscheinen (die an privaten oder staatlichen Schulen nach Wahl der Eltern eingelöst werden können), an Erleichterung von Betriebsgründungen, freie Hand bei den Ladenöffnungszeiten, an die ersatzlose Streichung sinnloser Bau- und Gewerbeverordnungen und vieles mehr. Ist der Gedanke a priori naiv und absurd, dass das Wegfallen von Regeln auch in anderen Lebensbereichen das Beste im Menschen zu Tage fördern würde? Vielleicht Aufmerksamkeit und Verantwortungsgefühl stärken und Selbstbestimmtheit und Engagement fördern würde? Weil es dann keine Gesetze und Regelungen mehr gäbe, auf die wir uns ausreden könnten.

Cut! Schrilles Wecker läuten! Ein Dokument, das mir heute zufällig in die Hände gefallen ist, holt mich aus meinen idealistischen Tagträumen ganz schnell zurück auf den überregulierten Boden der Tatsachen. Im „Grünen Bericht 2010“ über den österreichischen Agrarsektor wurde alles in eine Verordnung gepresst, was nicht bei drei auf dem Baum war. Als unbeleckter Leser staunt man halt über Mutterkuhzusatzprämien- oder Interventionsbutter-Verordnungen, ebenso hinterließ  mich der Passus „Hausbrand kann auch an Dritte abgegeben werden“ im Abschnitt Alkoholsteuer ratlos. Ich komme schon zum Ende dieses kleinen, feinen Blogs, denn ich muss noch das Formular für die Beantragung der Stärkekartoffelbeihilfe ausfüllen, um heuer die Kartoffelstärkeprämie einzuheimsen. Danach werde ich ein wenig über die Vermarktungsnorm für Pfirsiche und Nektarinen reflektieren.

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