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An Lincoln gescheitert

In einem entlegenen Winkel Ecuadors liegt auf 1600 Metern Seehöhe das Dorf Vilcabamba. Die medizinische Versorgung ist rudimentär, die hygienischen Verhältnisse zum Teil katastrophal. Die meisten Dorfbewohner rauchen Chamico, getrocknete Blätter vom Stechapfel. Die Wirkung soll ähnlich sein wie bei Marihuana, bei hoher Dosis sogar wie bei Kokain. Alkohol trinken sie auch, nicht zu knapp.* Und dennoch: In Vilcabamba gibt es zehnmal mehr 100-Jährige als irgendwo sonst auf der Welt. Man nennt den Ort auch das Tal der Hundertjährigen. Die Wissenschaft hat bis dato keinerlei Erklärung für dieses gehäufte Auftreten von Greisen.

Tausende Kilometer entfernt von Vilcabamba, in einer Stadt namens Wien, stellte ein ambitionierter Sachbuchautor die Altersforschung vor ein noch viel größeres Rätsel. In einem Gastkommentar für den Spiegel, der eine Schwerpunktwoche zum Thema “Scheitern” ansetzte, erzählte unser Autor die außergewöhnliche Geschichte des Abraham Lincoln. Dieser war nach zahllosen erfolglosen Anläufen im Alter von 60 Jahren zum Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Und das, obwohl – und jetzt kommt das schier unglaubliche an der Story – er bereits mit 56 Jahren einem Attentat zum Opfer gefallen war. Wie ist das möglich? fragt der Laie. Was rauchte Lincoln? Führte er gar ein Leben in der Matrix?

Werte Lesergemeinde, dieser kleinen Internetkolumne! Es ist Schluss mit den Spekulationen! Ich gestehe freimütig: Der Autor bin ich. Hier die Ereignisse in der Retrospektive: Nach einem langen Arbeitstag verbringe ich einen entspannten Abend bei chilliger Musik (“Milchbar”, großartiger Sampler von Blank & Jones). Ich trinke ein oder zwei Glas Rotwein (Vino Nobile di Montepulciano von der sehr geschätzten Caterina Dei). Ich freue mich über die vielen positiven Rückmeldungen auf meinen Artikel und fühle mich sehr gebauchpinselt, dass ihn 861 Leute auf Facebook weiterposten. Und dann im Maileingang plötzlich ein ganz kurzer Zweizeiler, in dem sinngemäß zu lesen steht: Interessant, dass ein Toter Präsident wurde. Schrecksekunde! Dann ist Fehlersuche angesagt. Verdächtigungen stehen im Raum. Böse Anschuldigungen. Meine Co-Autorin Christine Steindorfer und ich werfen den Ball hin und her. Wer hat die Geschichte recherchiert? Natürlich niemand! Auch ein Klassiker. Eine wirklich sehr geschätzte und liebe Freundin hat uns die Geschichte gesteckt, sozusagen. Wir einigen uns auf das Wording, dass ein banaler Recherchefehler den toten Lincoln das Präsidentenamt übernehmen ließ. Und dass die Scheiterexperten irgendwie gescheitert sind.

Bei jenem aufmerksamen Leser des Spiegel-Artikels ( http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,786783,00.html), der mich auf meinen Lapsus aufmerksam machte, möchte ich mich nochmals bedanken. Ich werde in meinen eigenen Scheiter-Büchern nachlesen, wie diese Niederlage handzuhaben ist. Schon der Dalai Lama wusste „Wenn Du verlierst, verliere nicht den Lerneffekt!“, schreibe ich da kokett. Eh klar, oder? Sollte jemand das Buch „Die Aufwärtsspirale“ daheim herumliegen haben, reißen Sie die Seiten über Lincoln raus, übermalen Sie die entsprechenden Passagen im Text, senden Sie mir empörte Mails! Wie auch immer, hier können Sie weltexklusiv die Geschichte richtig nachlesen:

Vor 200 Jahren lebte in Amerika ein Mann, der mit 23 seinen ersten Job und seinen ersten Wahlkampf verlor. Als er 26 war, starb seine Geliebte, zwei seiner Söhne starben ebenso im Kindesalter. Mit 27 erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Er war 29 Jahre alt, als er seinen zweiten Wahlkampf verlor. Mit 34 unterlag er für die Nominierung zum Kongress, ebenso mit 39. Mit 45 und 49 unterlag er im Kampf um einen Senatorenplatz und mit 47 wollte er Vizepräsident werden, erreichte aber sein Ziel nicht. Mit 52 Jahren wurde er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Mit 56, am 4. März 1865, wurde er für seine zweite Amtszeit vereidigt. Abraham Lincoln wäre wohl nicht Präsident geworden, wäre er nach seinen Wahlniederlagen nicht wieder aufgestanden und hätte er nicht aus diesen Tiefschlägen gelernt.

Ich darf mich dann verabschieden. Ich bin für einige Zeit in Vilcabamba, um meine grauen Zellen ein wenig auf Vordermann zu bringen.

* Quelle:  www.welt.de

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