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Unfehlbare Schadenfreude

“The Paris Review” schrieb über Marina Keegan sinngemäß, sie war witzig, selbstbewusst und voller Leidenschaft für das Leben! Die 22-jährige Studentin starb am 26. Mai, zwei Tage nach ihrem Examen an der Yale-Universität, das sie mit der Höchstnote Summa cum laude abgeschlossen hatte. Keegan und ihr Freund Michael Gocksch sind auf dem Rückweg der Geburtstagsfeier ihres Vaters gewesen, als aus bisher ungeklärter Ursache das Auto ihres Freundes von der Straße abkommt und sich mehrmals überschlägt. Während Michael mit leichten Verletzungen davon kommt, stirbt Marina noch am Unfallort. Der Unglückslenker war eingeschlafen, vermuten die Eltern der getöteten jungen Frau. In ihrer letzten Kolumne für die Campus-Zeitung „Yale Daily News“, schrieb sie: „Wir haben so viel Zeit.“, welch tragische Ironie des Schicksals. In ihrem schrecklich kurzen Leben lies die Journalistin, Dramaturgin und „Occupy“-Aktivistin keine Gelegenheit aus, um darauf hinzuweisen, dass es sich lohnt, für eine bessere Welt zu kämpfen und für Werte einzutreten, die das Gemeinsame vor das Trennende stellen. Ihr letzter *Artikel „Das Gegenteil von Einsamkeit“ sollte zu ihrem Vermächtnis werden und ist tausendfach im Netz verbreitet worden. Es ist ein flammendes Plädoyer dafür, mit Leidenschaft und Überzeugung etwas zur Gesellschaft beizutragen. Sie glaubte daran, dass sie die Pflicht hätte, Gutes zu tun zum Wohle der Gemeinschaft.

Im Archiv des „Yale Daily News” habe ich von ihr eine interessante Kolumne aus dem September 2011 entdeckt. U nter dem *Titel “Song for the special” erzählte Marina Keegan, dass sie in der Psychologie-Klasse das Wort “Schadenfreude” kennen gelernt hatte, welches ein “Vergnügen aus dem Unglück der anderen” bedeutet. Sprachexperten mögen es mir verzeihen, aber ich wusste nicht, dass es kein vergleichbares englisches Wort für diese Gefühlsregung gibt. Das Wort “Schadenfreude” hat sich mittlerweile im amerikanischen Sprachgebrauch längst etabliert. Die ”Washington Post” widmete 2004 der “Schadenfreude” einen langen *Artikel mit der Überschrift „Pardon Me, Your Schadenfreude Is Showing”. Der Gehässigkeit eine gewisse Bühne zu bieten, das finden wir schon sehr früh in entsprechenden Stellen der Bibel: “Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten standen voller Schadenfreude unter dem Kreuz und verhöhnten Jesus: Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen!” Ist es tatsächlich so, wie es der englische Schriftsteller William Somerset Maugham (1874-1965) einst formulierte: “Es ist ein großer Trost, andere dort scheitern zu sehen, wo man selbst gescheitert ist.” Vieles scheint dafür zu sprechen, in der Beobachtung von Prozessen des Scheiterns, die Menschen durchlaufen. Die gesamte Unterhaltungsindustrie hat sich die Schadenfreude zur Quoten stabilisierenden Programmgrundlage herangezogen, wie es scheint. Wie hätte die Harald Schmidt Show funktioniert, wie könnte Stefan Raab seine Show “Schlag den Raab” performen, ohne den Faktor der Missgunst? Ganz zu schweigen von der “Pleiten, Pech und Pannenshow”, einer anfangs von Max Schautzer moderierten und konzipierten Fernsehsendung in der ARD, deren Ausgangskonzept mittlerweile von vielen Sendern übernommen wurde. Schadenfreude scheint in diesem Sinne ein gesellschaftlicher Gleichmacher zu sein: “Mit ihrer Hilfe können sich auch sozial Schwächere wenigstens für einen Augenblick auf einem Niveau mit den vermeintlich Besseren, Stärkeren, Schöneren fühlen”, wie es Katrin Wilkens unter dem *Titel “Ätsch” in “Die Zeit” aus dem Feber 2007 formulierte. Um dann festzustellen “Schadenfreude entsteht immer dann, wenn einem Beneidenswerten scheinbar unerwartetes Unglück widerfährt”.

Um eines gleich vorauszuschicken, ich kenne den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter nicht, noch kann ich seiner Politik etwas abgewinnen. Er ist für mich eher die Kategorie Mensch, die man nehmen muss “Wie von Gott geschaffen”, jeder andere Gedankengang erübrigt sich meiner Meinung nach. Aber ich ergreife ein wenig Solidarität für ihn, wenn ich mir die Häme ansehe, die ihm in der abgelaufenen Woche zu Teil wurde, nur weil er David Alaba mit den Worten „How do you do?“ beim Besuch des Trainingslagers der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft in Seefeld begrüßte. Die Leitartikler des Landes haben Tags darauf in ihren Kommentaren nahezu “ejakuliert”, ob des Umstandes, dass ein österreichischer Provinzpolitiker einen Fußballer nicht erkannt hat, der gerade mal erstmalig zu überregionaler Bekanntheit gelangte, weil er sich beim FC Hollywood, besser bekannt als Bayern München, eine erste Saison lang behaupten konnte. Was sind das für Maßstäbe, und was für ein Niveau der Auseinandersetzung ist das? Man stelle sich vor, die Politik, oder präziser formuliert der Staat, würde jeden Fehler der schreibenden Zunft hochspielen. Das Branchenmagazin “Journalistik” veröffentlichte im Oktober 2010 einige interessante Daten. Unter dem *Titel “Fehler über Fehler” wurde über ein Forschungsprojekt “Präzision und Glaubwürdigkeit im Journalismus” berichtet. Interessante Tatsachen sind darin nachzulesen: “Knapp die Hälfte aller untersuchten Zeitungsartikel (46%) enthalten Fehler. Zu diesem bestürzenden Befund gelangte Mitchell Charnley, ein Grenzgänger zwischen Journalismus und Publizistikwissenschaft, bereits 1936 in seiner Pionierstudie zur Glaubwürdigkeit und Fehleranfälligkeit amerikanischer Tageszeitungen. Heute wird noch schludriger als damals gearbeitet. 61 Prozent der selbst erstellten Berichte und Features in Zeitungen enthalten mindestens einen Fehler – so ermittelte Scott R. Maier (2005) von der University of Oregon in der bisher größten und letzten amerikanischen Studie.” In unser Breiten mag dies alles anders sein, aber oft scheint mir, dass die Journalisten in unserem Land die einzig unfehlbare Instanz vor der Kirche sind. Jeder Vertreter dieser Zunft möge sich selbst prüfen! Manche könnten auch bei der viel zu früh verstorbenen Marina Keegan nachlesen, wie es ist, den Menschen positive Handlungsanleitungen und Orientierung zu bieten.

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