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Wer isst das Schlagobers?

Ort des Geschehens ist das legendäre Cafe Tirolerhof in der Wiener Innenstadt, dessen Geschichte bis in das Jahr 1885 zurück geht. Zweifelsohne könnte dieser Ort als Kulisse für einen Film aus dem vergangenen Jahrhundert dienen. Bis zum letzten Platz ist das Lokal gefüllt, es herrscht geschäftiges Treiben, Kellner servieren Getränke und Speisen aller Art. Ich sitze zwischen zwei Fensterlogen mit dem Rücken zur Wand und beschäftige mich gerade damit, was Langeweile ist. Am Tisch neben mir nehmen zwei Herren aus unserem Lieblingsnachbarland Platz. Touristen kommen immer wieder in dieses typische Wiener Kaffeehaus. Die beiden Männer um die Fünfzig haben einen der begehrten Plätze direkt in der Auslage ergattert. Die Tische sind dort größer, man ist prominenter platziert, sichtbarer. Ein im schwarzen Frack gekleideter Ober steuert auf die beiden zu. “Was darf es denn sein meine Herren, vielleicht eine Melange mit einer Sachertorte?” klingt es mit nam Unterton aus seinem Mund. Die beiden Herren, bekleidet mit Regenjacken, schauen etwas irritiert ob der direkten Ansprache. Der eine sagt zum anderen im besten Hochdeutsch “Davon habe ich schon gehört, das nehmen wir.”

Während die beiden Touristen lautstark die nächsten Programmpunkte ihres Wien-Besuchs diskutieren, bringt der Kellner die Bestellung. Es ist zu vernehmen, dass noch ein Besuch der spanischen Hofreitschule, ein Rundgang in der Albertina und am Abend ein Besuch eines Heurigen anstehen. In atemberaubender Geschwindigkeit verschwindet der Kuchen von seinem Teller, der Kaffee scheint kein Genussmittel zu sein, sondern die Funktion eines Spülmittels für die Speisereste im Mund zu haben. Eher unappetitliche Geräusche sind von meinem Nachbartisch zu hören. Die obligatorisch zur Sachertorte gehörende Portion Schlagobers lassen die ergrauten Männer unberührt. Es ertönt unmittelbar neben mir ein “Darf ich dann mal zahlen?” Mit grimmigem Blick eilt der schlanke Ober herbei, er ist groß gewachsen, sein braunes Haar nach vorne gekämmt. Ich kenne ihn, er blickt immer ein wenig verhalten, wenn er fremde Gäste bedient, aber im vertrauten Umfeld der Stammgäste ist er teilweise sehr unterhaltsam. Er sieht die unberührte Portion Schlagobers am Tisch stehen und sagt “Wem darf ich sie einpacken und wer zahlt sie?”. Der in meine Richtung blickende Gast antwortet mit einem ins Leere gehenden Gesichtsausdruck: “Ich zahle alles!” Unmittelbar danach erheben sich die beiden, um zu gehen, der größere von den ihnen beugt sich zu mir rüber. “War das von der Servierkraft witzig gemeint, ich habe das nicht so richtig mitgekriegt”, sagt er mit bestimmendem Unterton fragend zu mir herüber. Ich sage “Das passiert nur dann, wenn man das Schlagobers nicht aufisst”. Er richtet sich auf und sagt zu seinem Reisebegleiter mit ernstem Gesicht “Das müssen wir uns fürs nächste Mal merken”. Es erhallt ein “Guten Tach!” und weg sind sie. Bin ich froh darüber, dass ich mich wieder der Frage zuwenden kann, warum Langeweile nicht langweilig ist. Aber warum das so ist, erzähle ich in einer anderen Geschichte.

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