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Das „Dreckige Dutzend“

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, bekommen traditionellerweise verdiente Frauen und Männer den Preis aller Preise – zumindest, wenn es um geistige Spitzenleistungen geht – durch den schwedischen König höchstpersönlich überreicht. Seit 1901 wird der Nobelpreis für herausragende Leistungen in der Physik und Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und für Friedensbemühungen verliehen. Bei meinen Vorträgen zum Thema „Scheitern“ ermutige ich meine Zuhörer immer, sich doch einmal die Zeit zu nehmen, die überaus interessanten Biografien der Preisträger nachzulesen. Es handelt sich dabei fast ausnahmslos um Menschen, die zumeist ihr ganzes Leben lang ein Thema mit Konsequenz und Präzision verfolgt haben, die an eine Sache geglaubt haben und die unzählige Anläufe unternehmen mussten, um irgendwann ihr großes Ziel zu erreichen! Diese Lebensgeschichten veranschaulichen auf beeindruckende Weise, dass  Ausdauer und Konsequenz, Durchhaltevermögen und selbstverständlich auch ein wenig Glück die Grundlage für Spitzenleistungen bilden. Das sei insbesondere jenen Personen ins Stammbuch geschrieben, die glauben, dass der geforderte Erfindergeist, dass die allseits gepriesene Innovation auch ohne jedwede Risikobereitschaft entstehen kann. Im Gegenteil: Das bahnbrechende Ergebnis gleich mit dem ersten Versuch zu erzielen ist die Ausnahme. Das Überwinden von Hindernissen auf dem Weg vieler kleiner Schritte, das Hinfallen, das wiederholte Aufstehen und das Wagnis eines immer wieder neuen Anlaufs sind die Regel. Das ist der Grundstein des wahren Erfolges!

Schon vor einigen Jahren haben Forscher der Universität von Kalifornien in Davis entdeckt, dass das Gehirn immer dann, wenn es im Begriff ist, einen Fehler zu begehen, in einen typischen Dämmerzustand verfällt. Die Messung der Gehirnströme von Versuchspersonen brachte zutage, dass einem Versagen immer die selben Handlungen im Kopf vorausgingen. Sogenannte Alpha- und My-Wellen zeigten kurze Zeit vor dem Fehler besonders viel an Aktivität. Das sei, so die Forscher, charakteristisch für ein Hirn im Ruhemodus. Ein kleiner, am Kopf getragener Detektor könnte Abhilfe schaffen, meinen die Experten. Sobald die Fehlergefahr droht, sollten Menschen wachgerüttelt werden, damit wiederum alle Sensoren aktiv sind. Ein lustiges Bild tut sich da vor mir auf, wenn ich mir vorstelle, dass jeder Mensch so ein kleines Kästchen am Kopf trägt, das womöglich auch noch leuchtet und im Fall des Falles mit einem kräftigen Impuls den Eigentümer des Gehirns wachrüttelt. Auch wenn Millionen von Experten rund um die Welt daran arbeiten, alles zu perfektionieren, so wird das Ausschalten von Fehlern nicht gelingen, da bin ich mir sicher. Und das ist gut so! Was wäre eine Welt ohne faszinierende Höhenflüge und sich auftuenden Tiefen, ohne verdiente Siege und bittere Niederlagen! Der Mensch braucht beides, um persönlich an Stärke zu gewinnen und er braucht ebenso Aufgaben, für die es sich zu kämpfen lohnt, im großen wie im kleinen. Stellen Sie sich ein Dasein vor, wo alles wie selbstverständlich funktioniert, wo alles strukturiert und geregelt ist, wo es keine Spannung mehr gibt, weil der Sieg, der Moment des Erfolges ohnedies schon immer im vorhinein feststeht.

Niemand will freiwillig Fehler machen, kein Mensch geht ein Wagnis ein, um zu scheitern. Das kann ich gesichert aus meiner nun mittlerweile fast zehnjährigen Arbeit mit und am Thema „Scheitern“ und aus unzähligen Gesprächen zu dieser Frage berichten. Aber trotz aller Vorkehrungen können Fehler niemals zur Gänze verhindert werden. Unlängst habe ich mit dem Piloten eines Airbus A320 ein interessantes Gespräch zu den Risiken seines Berufs geführt. Einige seiner Gedanken sind es wert, festgehalten und weitergegeben zu werden. Seine Hauptformel lautete: „Wenn du Fehler verhindern möchtest, dann mach es so einfach wie möglich! Der größte Feind von Sicherheit ist nicht der Mensch, sondern die Komplexität“. Kompliziert sein kann jeder, strukturiert und einfach sein, das kann nicht jeder, könnte frei übersetzt eine Schlussfolgerung lauten. Und dann erzählte mir der Mann, der zu einer Berufsgruppe von Menschen gehört, die 51 Millionen mal pro Jahr Flugzeuge irgendwo am Globus sicher landen, noch vom „Dreckigen Dutzend“. Das hat in diesem Fall nichts mit dem US-amerikanischer Kriegsfilm aus dem Jahre 1967 zu tun, sondern mit einer Auflistung von Ursachen, welche meist die Vorstufe von menschlichen Fehlern darstellen. Verfasst hat diese Liste der Amerikaner Gordon Dupont im Jahr 1993, als er für die „Transport Canada“ Company arbeitete. Die Basis für Sicherheit ist in allen Branchen gleich, so die Erkenntnis, die Gefahren liegen in der ineffizienten Kommunikation, der Überheblichkeit, dem mangelnden Wissen oder Können, den Ablenkungen, dem fehlenden Teamgeist, in der Müdigkeit, dem nicht vorhandenen Situationsbewusstsein, an nicht zur Verfügung gestellten Ressourcen, dem Faktor Stress, im latenten Produktionsdruck, in der Schwierigkeit, Probleme anzusprechen und in unrealistischen Normen! Finden Sie sich und Ihre Fehlerquellen in dieser Auflistung wieder? Wenn nicht, dann sind Sie offensichtlich perfekt. Herzlichen Glückwunsch!

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Comments 7

  1. Stefan Schönhofer

    Danke Gerhard für diese interessanten Ausführungen! Fazit, ich bin nicht perfekt (hege diesen Anspruch aber auch nicht) und habe kein Kästchen vorm Kopf! Alles Liebe
    Stefan

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    • Gerhard Scheucher

      das ist gut, dass du nicht perfekt bist, lieber stefan! ich bin es auch nicht und lebe ziemlich gut damit:-)

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