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Shitertainment

„Im vollen Licht auch die Scheiße glitzert” lautet ein venezianisches Sprichwort. Vielleicht ist das der Grund, warum das Dschungelcamp, eine aus dem Vereinigten Königreich stammende Reality-Show, Millionen von Zuschauern in den Bann zieht. Es kann auch sein, dass zum Sendetermin von “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” ohnedies schon der Großteil des Publikums vom Promilledunst geschwängert dieses TV-Format für “100 % schmerzbefreite Z-Prominente” ansieht und sich schenkelklopfend daran erfreut, dass es im fernen Urwald Menschen gibt, die sprichwörtlich noch mehr in der Scheiße stecken als sie selbst. War nach der ersten Staffel der vom deutschen Privatsender RTL seit 2004 produzierten Sendung die Empörung noch groß, so ist das „Ekelfernsehen” mittlerweile salonfähig geworden. Und so dürfen sich Abend für Abend zehntausende Menschen daran ergötzen, wenn um Aufmerksamkeit heischende Menschen mit “Promistatus” gebratene Schafhirne, lebendige Mehlwürmer, Truthahn-Hoden, Busch-Hirsch-Penisse, Kamelblut, lebende Skorpione ohne Stachel (als Maßnahme des Senders gegen den sofortigen Teilnehmerschwund), gekochte Rinderaugen, Glückskekse gefüllt mit Grillen und Kakerlaken, gekochte Ziegenzungen, Kamelpenisse oder Sandwürmer dem Gaumen zuführen. Das sind die Zutaten, die Menschen mundgerecht aufbereitet zu sich nehmen, wenn sie sonst als Schauspieler, Sänger oder Model in der Unterhaltungsbranche keine Aufmerksamkeit finden.

Zugestehen muss man den Teilnehmern der Show, dass sie das Recht haben, ihre Persönlichkeit zu verwerten. Und wenn die einzige Form der Nutzbarmachung im “Fressen von Fäkalien” besteht, dann haben sich die Frauen und Männer weniger Kritik, sondern eigentlich viel mehr Respekt in Form von unendlichem Mitleid verdient. Privatsender führen im “Unterschichtenfernsehen” Charaktere vor, die sicherlich je nach Betrachtungsweise viele Eigenschaften vereinen. Aber gewiss nicht jene, die anderen Menschen zum Vorbild gereichen! Der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt (1927 –2013) brachte es einmal so auf den Punkt: “Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in jede Hose, die man ihnen hinhält, und die Privaten senden das, was darin ist.” Sie können mich für spießig, für gestrig, für jemanden halten, der den Anschluss an die neuen Zeiten verloren hat, soll so sein. Aber was ist das für ein Wertegefüge, für ein Verständnis von Leistung, wenn die “Heldentat” darin besteht, mehr “Scheiße” zu fressen als die anderen? Dieser Umstand gereicht zum Vorbild? Das ist Anlass genug, dass Medien Fotostrecken, Homestories und Reportagen bringen? Das bringt Titelseiten in jenen Medien, die sonst darüber lamentieren, dass unser Bildungssystem nur “Schrott” produziert und dass es der heranwachsenden Generation an wesentlichen Grundlagen jener Handlungsweisen fehlt, die man allgemein als Umgangsformen beschreibt.

Kärnten ist Österreichs südlichstes Bundesland und die Benchmark, wenn es darum geht, verhaltensauffällige Politiker zu benennen. Da gab es in jüngster Zeit einen rechtspopulistischen Landeshauptmann, der sturzbetrunken mit dem Auto dahinflog, bis “die Sonne vom Himmel gefallen ist”. Da gibt es Regierungspolitiker und Parlamentarier, die weniger durch die Arbeit an politischen Inhalten auffallen, als durch Pressekonferenzen, bei welchen sie intime Details bis hin zu Sexualpraktiken von Partnern veröffentlichen, um wahrlich “tiefste Einblicke” zuzulassen. Und dort findet man auch mit Thomas Krainz den Bürgermeister der Gemeinde Sankt Kanzian am Klopeinersee, dem Heimatort von Vize-Dschungelkönigin Larissa Marolt. Der sozialdemokratische Ortschef hat via Medien verkündet: „Wir haben ja vor zwei Jahren eine neue Promenade errichtet, mit Kunstwerken und dergleichen. Und wir wollen auf dieser Promenade für die Larissa etwas Entsprechendes adaptieren. Ich will einen Künstler damit beauftragen und bin selbst schon gespannt, welchen Vorschlag er uns unterbreiten wird.“ Die Zweite des Dschungelcamps soll ein Denkmal bekommen. “Das hat ihre Heimatgemeinde St. Kanzian am Klopeinersee jetzt beschlossen.”, verkündet der Radiosender KRONEHIT. Diese Gemeinde ist seit vielen Jahren meine Wahlheimat. Soll ich demnächst meiner 10jährigen Tochter beim Spaziergang um den See beim Anblick von Larissas Denkmal erklären, dass ihr das “Fressen” von Würmern, Geschlechtsteilen und Insekten internationale Anerkennung und einen garantierten Platz in den Geschichtsbüchern bringt? Dass dort ein Provinzpolitiker im Sog der Fast-Dschungelkönigin das Licht der Öffentlichkeit sucht, soll sein. Bedenklicher finde ich, dass offensichtlich niemand das Rückgrat hat und den Mut aufbringt, diese von den Füßen auf den Kopf gestellte Wertehaltung zu korrigieren! 

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