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Logistik des Scheiterns

Der 26. April 1956 hat die Logistik revolutioniert. Wissen Sie, was an diesem Tag passierte? In Amerika verließ ein Tanker der Pan-Atlantic-Steamship-Reederei den New Yorker Hafen Richtung Houston. Das war noch nichts Außergewöhnliches. Dass Schiffe zwischen Kontinenten, zwischen Ländern und Städten verkehrten, gehörte schon damals zum Alltag. Die Besonderheit ist der Aufbau des Schiffes gewesen. Erstmals ging ein Containerschiff auf Reise. Der US-Spediteur Malcom McLean schickte an diesem kalten und verregneten Tag seine „Ideal X“ auf See. Von der außergewöhnlichen Konstruktion des Schiffes hatte kaum jemand Notiz genommen. 58 Kisten aus Blech, wo jede einzelne so groß wie ein Anhänger eines LKWs gewesen ist, wurden zuvor von Kränen auf das Boot gehoben. Die Be- und Entladung des Frachters dauerte nur wenige Stunden. Normalerweise brauchten Hafenarbeiter für diesen Arbeitsvorgang oft Tage bis die Paletten, Säcke und Ballen ihren Platz im Rumpf eines Frachters gefunden hatten. Der Hafenaufenthalt verkürzte sich durch die neue Logistik derart, dass statt der sonst üblichen 15.000 Dollar gerade mal 1.600 Dollar für das Anlegen der „Ideal X“ bezahlt werden musste. Die Kostenersparnis lag bei unglaublichen 90 %!

Die Idee wurde schon seit den 30er Jahren verfolgt, doch es waren wie immer die Experten, die von dieser Transportform abgeraten hatten. Die Entwicklung spezieller Container, neuer Kräne und Lastkraftwagen sei zu aufwendig und könne sich nicht rechnen, war sich die Fachwelt einig. Malcom McLean bewies aber, dass es doch ging und wurde erst Jahre später als jene Person anerkannt, der die Containerschifffahrt und das Transportwesen revolutionierte. In Europa dauerte es noch bis Mitte der 60er Jahre, bis die ersten, mit großen Blechkisten beladenen Schiffe in Betrieb genommen wurden. Erst der große wirtschaftliche Druck und die existenziellen Ängste hiesiger Reedereien haben zu einem Umdenken geführt. McLean, der als Spediteur laut Kartellrecht keine Schifffahrtslinie betreiben durfte, hatte 1955 sein millionenschweres Lastwagen-Imperium McLean Trucking verkauft und mit dem Geld die Reederei Pan Atlantic Steamship erworben. Er hatte alles aufgegeben, um ein neues unternehmerisches Projekt zu beginnen. Er hat losgelassen, hat sich bewährter Pfade entledigt und ist dabei höchstes Risiko eingegangen zu scheitern, während in unseren Breiten noch immer am Bewährten, weil Erprobten festgehalten wurde.

Was hätten Sie getan? Hätten Sie ein florierendes Unternehmen verkauft, um einen Neustart zu wagen? Wären Sie bereit gewesen, Ihre Existenzgrundlage, Ihre sichere Einnahmequelle aufzugeben, um Neues zu beginnen? Einer der Hauptgründe, Dinge nicht zu tun und Vorhaben hinten anzustellen, ist immer wieder die große Angst vor dem persönlichen Scheitern, der sichtbaren Niederlage, dem Moment der Stigmatisierung durch das Umfeld. Vorwiegend erfährt man dies durch jene Menschen, die es ohnedies schon immer gewusst haben, dass Sie scheitern werden. Als gesichert gilt, dass Scheitern aber als fixer Bestandteil des Lebens angenommen werden muss und sogar oft die Basis für die größten Erfolge ist.

Der Veränderungsdruck wird immer größer. Die Erde dreht sich immer schneller, der Zug der Veränderung fährt mit hoher Geschwindigkeit dahin, der Mensch steht vor der täglichen Herausforderung, noch rechtzeitig aufzuspringen. In der “guten alten Zeit” gab es noch eine gewisse Beständigkeit; die einmal erworbene Ausbildung sollte ausreichen, um ein Erwerbsleben lang bestehen zu können. Mit Produkten verhielt es sich ähnlich, die Absatzmärkte wurden noch in Dekaden definiert. Und heute? Jede Minute wird beispielsweise eine neue chemische Formel entwickelt, alle drei Minuten ein neuer physikalischer Zusammenhang entdeckt und alle fünf Minuten eine neue medizinische Erkenntnis gewonnen. Während es um 1800 hundert Jahre dauerte, bis sich das Wissen verdoppelt hatte, sind es seit Anfang des 21. Jahrhunderts gerade mal vier Jahre. Man könnte diesen Befund akademisch diskutieren, um Stunden, Tage, Wochen streiten. Das ist nicht das Thema. Die Historie illustriert nur eindrucksvoll, was rund um uns los ist. Noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte waren die Chancen zu scheitern so groß wie im gerade eben begonnenen neuen Jahrtausend!

Wenn Länder wie Österreich, Deutschland oder Europa insgesamt im Konzert der Weltmärkte mitspielen möchten, dann wird es ohne Wagnis, welches auch die Gefahr von Niederlagen inkludiert, nicht gehen. Optionen zu nutzen, neue Wege zu beschreiten, wie am Beispiel McLean erzählt, bedeutet Risiko einzugehen. Bedeutet, sich der Gefahr des Scheiterns auszusetzen. Wenn man sich Erfolgsgeschichten ansieht, wenn man sich mit Biografien auseinandersetzt, dann waren die erfolgsgekrönten Personen zumeist jene, die  einmal öfter einen Versuch wagten oder bereit waren, ein Risiko einzugehen. Thomas Alva Edison hat allein um die 9.000 kleine Kohlefäden ausprobiert, bis er denjenigen gefunden hat, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. „Niemals aufgeben! Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen“, sagte Edison einmal resümierend. Dieser Grundsatz scheint mir auch heute noch ein gutes Leitmotiv für die Herangehensweise an neue Projekte sein. Solange Ziele die Chance auf Realisierung haben, sollten Sie sich von Rückschlägen nicht abhalten lassen, sondern weiter an Ihren Träumen basteln und an ihren Ideen festhalten. Scheitern ist in einer Wertschöpfungskette durchaus ein Steuerungselement zum Erfolg! Und von diesem kann es bekanntlich nicht genug geben.

Dieser Text wurde in leicht abgeänderter Form im Logistikmagazin “GS 1 Austria Information” veröffentlicht.

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