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Kann man Kinder vor ihren Eltern schützen?

Die Germanwings Abendmaschine von Köln nach Wien ist spärlich besetzt. Viele Sitzreihen sind leer, manche Plätze mit Passagieren belegt. Ich sitze schon wie am Morgen alleine in einer Reihe. Mein Blick ist aus dem Fenster gerichtet, ich habe es mir für den Flug gemütlich gemacht. Plötzlich spüre ich, wie aus der Sitzreihe dahinter jemand permanent gegen meinen Sitz tritt. Ich stemme mich dagegen. Plötzlich beugt sich ein Mann über die Sessellehne nach vorne zu mir und sagt “Unser Sohn Nikolaus kann nur am Schoß seiner Mutter sitzen, und wenn Sie seine Fußtritte stören, dann sollten Sie sich einen anderen Platz im Flieger suchen.” Die Idee, dass das Kind möglicherweise nicht mehr gegen den Vordersitz stoßen könnte, stand nicht zur Debatte. Die Welt ist schon ein wenig verkehrt, gehen mir meine Gedanken so durch den Kopf.

Es liegt mir fern, Vorurteile zu bedienen. Aber es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass überversorgten Kindern sämtliche Rechte zugestanden werden. Pflichten kommen im täglichen Gebrauch als soziale Handlungsanleitung nicht vor! Alle paar Minuten erhebt die Mutter auf dem Sitzplatz hinter mir die Stimme im besten Deutsch, um sich zu erkundigen, ob der junge Mann auf ihren Oberschenkeln irgendwelche Bedürfnisse hat. Er antwortet mit Geschrei. Vom Keks, über Schokolade bis hin zu Obst und Süßigkeiten wird alles nachgefragt. Der mutmaßliche Erzeuger seines Nachfolgers, so ein typischer “Wir leben ökologische Verantwortung Typ”, kommentiert besserwisserisch das Geschehen, während sich die Luft im Flieger mit jener einer übervollen Windel vermengt. Ein Wechsel der Windel war wahrscheinlich deshalb keine Option, weil es auf Flugzeugtoiletten keine Biotonnen gibt. Das könnte eine logische Erklärung für die nicht bereinigte Situation sein.

Kinder sind immer ein Spiegelbild ihrer Umgebung. Wenn so kleine Menschen nur Unruhe vermitteln, dann kann man sich in etwa ausmalen, wie ihr Alltag und vor allem jener der Eltern oder Erziehungsberechtigten aussieht. Auch dabei spielt eine immer größere Rolle, dass eine wirkliche Auseinandersetzung oder ein Dialog in der Familie, im sozialen Umfeld nicht mehr stattfindet. Man hat den Eindruck, dass Erziehung damit gleichgesetzt wird, mit geringstem persönlichen Aufwand einen Zustand der Ruhe für alle Beteiligten herbeizuführen. Die zeitgemäßen Erziehungsmittel scheinen immer mehr Fernseher, Laptop, Computerspiele oder sonstige sinnraubende Formen der Einwegkommunikation zu sein. Abgerundet wird all das noch, dass auch die soziale Zusammenkunft bei einem gemeinsamen Mittag- oder Abendessen in den Familien immer mehr an Bedeutung verliert. Fast-Food, Nahrungszufuhr, um dem Körper irgendetwas zuzuführen, scheint immer mehr zur Norm zu werden. Die ständig steigende Anzahl von übergewichtigen Kindern ist die Regel.

Im Landeanflug auf Wien ersucht mich die Stewardess, den Computer abzudrehen. Nikolaus brüllt in der Reihe hinter mir, die Kindesmutter redet noch immer auf den Sohn lautstark ein, der Vater checkt die Situation mit mehr oder minder geistreichen Kommentaren. Die aus der Windel kommende Duftwolke hat sich dank einer funktionierenden Klimaanlage gleichmäßig auf den gesamten Innraum des Fliegers verteilt. Als ich mich von meinem Platz erhebe, um den Flieger zu verlassen, sagt der Vater des Buben, unaufgefordert und das Bedürfnis habend, sich rechtfertigen zu müssen, zu mir: “Sonst ist er eigentlich immer ganz ruhig.” Ich sage besser nichts und denke mir: Wäre es manchmal nicht besser darüber nachzudenken, wie man Kinder vor ihren Eltern schützen kann?

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