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Room Nr. 709

Es gibt Tage, die stellen eine Art Zäsur im Leben eines Menschen dar! In der Nacht von Samstag auf Sonntag erlebte ich in Boston einen dieser Tage. Den gesamten Tag über hatte ich Sightseeing betrieben, abends ein Dinner in einer der kulturell reichsten Städte Amerikas genossen. Gegen Mitternacht kehrte ich zufrieden und voll neuer Eindrücke in mein Hotel zurück. Ich lag schon im Bett, als ich gegen 1 Uhr früh durch laute Schreie mit einem Schlag hellwach wurde! Zuerst dachte ich an Menschen, die ihren Tag in größtmöglicher Form von Einigkeit ausklingen lassen wollten, als mir irgendwie klar wurde, dass da im Zimmer nebenan keine Zärtlichkeitsbekundungen stattfanden! Ich hörte eine Männerstimme, die schrie, Fäuste, die an die Wände trommelten, Gegenstände, die offenbar durchs Zimmer geschleudert wurden. In all diesem Lärm wurden die Schreie einer Frau immer lauter. Es waren Schreie der Hilflosigkeit, die ich nie vergessen werde! Und jeder Schrei der Frau hatte eine unüberhörbare Reaktion des Mannes zur Folge.

Für einen Augenblick wurden die Schreie der Frau am Gang in voller Lautstärke hörbar und noch während ich wie andere Menschen auf der selben Etage aus dem Zimmer rannte, waren die flehenden Hilferufe wieder im Zimmer verschwunden. Innerhalb weniger Augenblicke setzten dann offenbar einige Hotelgäste dieselbe Handlung, indem sie die Security verständigten. Die anhaltenden Schreie waren für mich wie viele kleine Stiche, die natürlich in keiner Weise mit den Qualen des Opfers vergleichbar waren. Nur durch eine Wand von einem anderen Zimmer getrennt zu sein, jeden einzelnen Schlag, die immer schmerzlicher klingenden Schreie zu hören und  nichts tun zu können  außer selbst nach Hilfe für das Opfer zu rufen, war nur schwer zu ertragen.

Nach ein, zwei Minuten war unüberhörbar die Security eingetroffen. Die Szenen, die sich abspielten muteten fast hollywoodmäßig an. Ich verfolgte durch den Türspion, wie vier oder fünf Männer das Zimmer neben mir stürmten, binnen weniger Sekunden wurde es nahezu ruhig, nur dieser typisch amerikanische Befehlston war zu hören. Eine massive Männerstimme forderte gegenüber dem Täter mehrfach „lay down“. Unmittelbar vor meiner Zimmertür wurde der Peiniger auf den Flur gezerrt und versuchte sich der Verhaftung zu entziehen. Plötzlich konnte sich der Täter, der noch immer außer sich war und wütend brüllte wieder erheben und sprang mit voller Wucht gegen meine Zimmertür. Der Mann prallte von meiner Tür ab, um am Boden zusammenzusacken. Die Security legte ihm Handschellen an und war dann nach wenigen Augenblicken mit ihm im Lift verschwunden.

Es wurde ruhig, gespenstisch ruhig. Nichts mehr war zu hören, wieder öffneten sich nahezu synchron die Türen der Hotelgäste auf der 7. Etage. Mehrere Personen versuchten mit dem Opfer Kontakt aufzunehmen, das die Tür nicht öffnete und auch nicht auf Hilfsangebote antwortete. Nach einigen Minuten waren wiederum alle in ihren Zimmern verschwunden, nichts mehr war zu hören, außer vorbeifahrende Autos, die in manchen Momenten die Stille durchbrachen. Ich lag wieder im Bett und hatte dieses Bild vor mir, wie dieser Mann mit voller Wucht und Geschreie gegen meine Tür gesprungen war, ein Bild, das ich nicht mehr vergessen werde. Meine Gedanken kreisten lange um die ungeheure Aggression, die dieser Mann entwickelte, um die Hilflosigkeitkeit dieser Frau, um diese Spirale an Sprachlosigkeit und vermutlich selbst erlebter Gewalt, die wohl zu einem solchem einem Verhalten geführt hatten. Und ich fragte mich, wie viele Frauen überall auf der Welt in dieser Nacht ähnliches oder noch schlimmeres ertragen müssen. Und bei wie vielen von ihnen die Schreie wohl ungehört verhallen würden. Nach außen hin hatte wieder alles seine Ordnung, die Nachtruhe konnte ihren Lauf nehmen und die Normalität kehrte zurück. Zurück blieb das Opfer* in Room Nr. 709! Auch das ist normal!

* Laut Statistiken erleiden allein im deutschsprachigen Raum etwa 20 % aller in heterosexuellen Paarbeziehungen lebenden Frauen innerhalb einer Partnerschaft körperliche und oder sexuelle Gewalt. Werde auch die psychische Gewalt mit einbezogen, könne man davon ausgehen, dass rund 40 % aller heterosexuellen Frauen Gewalterfahrungen in einer Partnerschaft machen.
Weltweit werden 87 bis 90 % von Gewaltdelikten zwischen den Geschlechtern von Männern begangen. Nach einer britischen Studie betragen die Folgekosten der häuslichen Gewalt weltweit 40,2 Milliarden Dollar jährlich. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) benennt die Gewalt gegen Frauen und Mädchen als weltweit eines der größten Gesundheitsprobleme.

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