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Nonverbaler Erkenntnisgewinn

Anfang der 2000er Jahre war ich einige Male bei einem der größten Poesie Festivals der Welt – in Granada, der drittgrößten Stadt des mittelamerikanischen Staates Nicaragua. Lyriker, Dichter und Schriftsteller aus mehr als 70 Ländern haben dort immer Anfang Februar ihre Werke vorgetragen. Nahezu Tag und Nacht wurde auf verschiedenen Bühnen und Plätzen der 1524 vom spanischen Eroberer Francisco Hernández de Córdoba gegründeten Kolonialstadt gelesen. Trotz konstanter Außentemperaturen zwischen 30 und 40 Grad Celsius waren diese Tage von einer besonderen Leichtigkeit geprägt, die Zeit war irgendwie still gestanden, die Stunden schienen endlos geworden zu sein. Und egal, ob mit Gioconda Belli die international bedeutendste Lyrikerin des Landes die Bühne betrat, oder ein unbekannter Schriftsteller aus Weißrussland, das Publikum war begeistert und verfolgte gefesselt die Erzählungen. Es war unmöglich, alle vorgetragenen Texte zu verstehen, zu vielfältig waren die Sprachen – und dennoch reichte bei vielen Formulierungen der Gesichtsausdruck, die Gestik, die Körperhaltung und der Tonfall des Künstlers um das Gefühl zu haben, jedes einzelne Wort zu verstehen. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass Christian Morgenstern (1871-1914) recht behalten sollte, als er den Satz “Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“ formulierte.

Vor einigen Tagen saß ich in einem Restaurant in Berlin und plötzlich hörte ich ein Lied in französischer Sprache, das mich an einen Film mit Curd Jürgens (1915-1982) erinnerte. Er spielte darin zwar einen Frauenmörder, aber dieses Chanson wurde in diesem Krimi als wiederkehrendes musikalisches Leitmotiv verwendet. Obwohl ich den französischen Liedtext damals wie heute nur mit Unterstützung übersetzen konnte, hat sich die Melodie in meinem Kopf total verinnerlicht. In La Mer (frz.: Das Meer) erzählt der Chansonnier Charles Trenet (1913-2001) seine Eindrücke über die Weite des Meeres und seine endlose Liebe dazu. Angeblich komponierte er diesen “Schmachtfetzen”, der in unzähligen Coverversionen veröffentlicht wurde, 1943 in nur 20 Minuten während einer Zugfahrt zwischen den französischen Städten Narbonne und Perpignan. Aber alleine die Darbietung, die Interpretation und das Arrangement der Originalversion konnte und kann das Lied quasi in jede Sprache der Welt übersetzen. Das Volumen der Stimme, die Zurückhaltung zum einen, die Entfaltung zum anderen, die schlichte Melodie, mal Ruhe, mal Sturm erzeugen vielfältigste Bilder im Kopf. So einfach kann die Vermittlung von Gefühlen, von Inhalten, von Sichtweisen sein.

Großartige nonverbale Konversation ermöglicht mühelos die Überwindung von Sprachbarrieren. Ich verstand die Sprache, obwohl ich sie nicht verstanden habe, könnte man hinzufügen. Ich schaffte es, verbale und nonverbale Signale des Interpreten zu verstehen und zu dekodieren und daraus Bilder für meinen Geist entstehen zu lassen. Meine fehlende Sprachkenntnis hat andere Sensoren offensichtlich stärker aktiviert, um meine Eindrücke wahrnehmen und verarbeiten zu können.

Allerorts klagen Menschen in einer informationsüberfluteten Welt von Sinnentleerung, davon, dass sie häufig an den Dingen des Alltags scheitern, weil ihrem eigenen Sensorium die nötige Justierung fehlt. Sich aus anderer Perspektive manchen Vorhaben zu nähern ist ein großer persönlicher Nutzen, meine ich. Aktivierte Sinne können viel Sinnloses verhindern und Neues entstehen lassen. Ich setze mich leidenschaftlich mit Fragestellungen auseinander, für deren Beantwortung mir vielleicht formale Grundlagen fehlen, seien es die beschriebenen Beispiele mit Sprache, Musik, oder andere Themen. Für mich war aber bislang jeder Versuch des Perspektivenwechsels ein Gewinn an Erkenntnis – und diese bringt einen Menschen ja bekanntlich weiter.

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