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Pädagogische Belastungsgrenze

Die Lehrerdiskussion der vergangenen Tage, ausgelöst durch eine pointierte Feststellung des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertigzeugte wieder mal von den wirklichen Problemen in unserem Land. Beim Empören und der darauffolgenden öffentlichen Diskussion wurde hier eine Geschwindigkeit und Energie an den Tag gelegt, die ich sonst in vielen Debatten vermisse. Dass der Fiaker im Rang eines Landeshauptmanns einen seiner üblichen Kalauer bei der Pressekonferenz zum 70. Geburtstag seiner SPÖ in der 2. Republik zum Besten gegeben hat, wird nicht einmal theoretisch in Erwägung gezogen. Der Berufsstand von 115.000 Lehrerinnen und Lehrern befindet sich in einem Zustand der emotionalen Aufgewühltheit und belebt mit unzähligen Kommentaren eine dynamische und inzwischen politisch entfachte Debatte, wie ich es sonst nur bei Islamisten beobachte, wenn sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen.

Grundsätzlich liegt es mir fern, den Berufsstand der Lehrer zu kritisieren, obwohl ich zu diesem Thema schon einige Anmerkungen habe. Einstmals bin ich praktizierender Lehrerschreck gewesen und wenn mich unser Herr Schuldirektor Mayr oder die Frau Oberlehrerin Reischl nicht mehr bändigen konnten, gab es ein bis zwei Ohrfeigen als pädagogische Sofortmaßnahme von der Schulleitung oder ein Büschel ausgerissener Haare – das war eine besondere Begabung der Frau Oberlehrerin. Und in späteren Jahren “massierte” uns Herr Prof. Kainz durch einen Schlag mit seinem Schlüsselbund auf den Kopf. Mit dieser Züchtigung wähnte man eine neue Grundjustierung meiner Person und ich durfte im Unterricht bleiben. Und wenn nicht gerade ich betroffen war, so wurde die reine Muskelkraft als Erziehungsmaxime für einen „ordentlichen“ Unterricht eben bei Mitschülern angewendet. Irgendwen traf es immer. Ich möchte jetzt keinen falschen Eindruck erwecken, es wurde nicht nur geprügelt, sondern auch gelehrt. Und vielleicht sind die beschriebenen pädagogischen Prinzipien eher auf das raue Klima meiner Heimat zurückzuführen gewesen und weniger auf die von oberster Stelle vorgegebenen pädagogischen und didaktischen Maßnahmen innerhalb eines zu erfüllenden Lehrplans. Wie auch immer, ein elementares Rüstzeug für das Leben wurde uns in dieser Schule dennoch vermittelt, und wenn wir endlich wieder mit Unterrichtsende diesen scheußlichen Barackenbau verlassen konnten, dann hatten wir ein paar Aufgaben zu erledigen und danach ging es eher am Spielplatz zur Sache, nicht immer nur spielerisch, manchmal natürlich auch altersgemäß handgreiflich. Dennoch: am nächsten Tag sind wir wieder alle gemeinsam in die Schule gegangen und hatten eine Menge Spaß miteinander, auch mit unseren Lehrern! Zeitlich gesehen war ich als Schüler halbtagsbeschäftigt, meine Lehrer vielleicht auch, aber das kann ich nicht wirklich beurteilen.

Die pädagogischen Prinzipien zur Vermittlung von Lerninhalten haben sich in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise geändert. Meine 11-jährige Tochter tut manche von mir erzählten Geschichten aus meiner Schulzeit ins Reich der Märchen ab. Aber ich möchte ein paar Sätze zum Schulsystem loswerden, aus Elternsicht sozusagen, weil ich gerade durch die vom Wiener Langzeitbürgermeister ausgelöste Debatte so viele Geschichten von Lehrern lese, die nicht müde werden zu betonen, was der Schuldienst von ihnen denn nicht alles abverlangt. Das mag durchaus so sein! Aber mich beschäftigt manchmal viel mehr, was die Lehrer als Beauftragte eines fragwürdigen Schulsystems meinem Kind alles abverlangen. Schon in der vierten Klasse Volksschule ist es zur Normalität geworden, dass meine Tochter trotz einer Ganztagsbetreuung mit dem Lernen und den Vorbereitungen für Tests und Schularbeiten kaum fertig geworden ist, wenn sie nach einem 8-9 Stunden Tag endlich zu Hause war. Lernfreie Wochenenden waren für sie nicht selbstverständlich. Nein, zumindest ein weiterer Halbtag musste oft mit dem Festigen von (teilweise zweifelhaften) Inhalten verbracht werden, derer man sich in der Nachmittagsbetreuung nicht ausreichend angenommen hatte. Und jetzt, wo mein Kind im Gymnasium angelangt ist, hinterfrage ich immer öfter, wie motivierend und lustbetont Wissen überhaupt vermittelt wird. Nur durch das oberflächliche Durchpeitschen von Lehrstoff, der immer mehr und nicht weniger wird? Geht es im Klassenzimmer um eine angepasste Pädagogik der Leistungsschau oder um die individuelle Förderung von Talenten? Angesichts des zusehends mehr in die Krise kommenden Schulsystems wäre mir eine Debatte über Lerninhalte und die Qualität des Schulbetriebs in praktischer Auswirkung auf seine Pflichtschüler viel lieber, als eine in Selbstmitleid zerfließende Berufsgruppe, die noch immer zu den privilegierten im Lande gehört. Mir ist es wirklich egal, ob Lehrer 22 Stunden oder 40 Stunden arbeiten. Sie können auch mehr Urlaub haben als andere. Aber sie sollen in ihren Arbeitsstunden verantwortungsvoll dafür sorgen, dass mein Kind nicht schon in der Schulzeit einer immer größer werdenden zeitlichen Belastung ausgesetzt wird, die sie als Lehrer selbst wohl kaum ertragen würden.

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