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Schlag nach beim „großen Diktator“

“Wir sollten am Glück des Anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Haß und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden, und Mutter Erde ist reich genug um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen! Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet, und Mißgunst hat die Seelen vergiftet […] Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehengeblieben. Wir lassen Maschinen für uns arbeiten, und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart. Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert”. Was denken Sie, wenn Sie diese Zeilen lesen? Erhallt nicht hinter diesen mit Bedacht gewählten Worten über den Zustand der Gesellschaft ein lautes und überzeugendes JA in unserem Inneren? Aber was folgt dann? Setzten wir, setzten Sie Zeichen, um all diesen wenig verheißungsvollen Entwicklungen entgegenzuwirken? Die eingangs formulierten Sätze sind keineswegs meinem Kopf entsprungen, sondern wurden vom britischen Komiker und Schauspieler Charlie Chaplin im Film Der große Diktator” (Originaltitel: The Great Dictator) in der zur Berühmtheit gelangten Schlussrede an sein Publikum gerichtet. Das ist 1940 gewesen!

Dieser Tage werden wir wieder mal zu Recht nicht müde, 70 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges auf das größte Unrechtsregime der Menschheitsgeschichte hinzuweisen, vor allem an seine Anfänge, die Ursachen des sich abzeichnenden Wahnsinns. Kurioserweise wurden Hitler und Chaplin im selben Monat und Jahr geboren, im April 1889. Ideologisch waren die beiden Herren von ähnlicher Körpergröße glücklicherweise nicht auf einer Linie. Ganz im Gegenteil. Der für fünf Oscars in den Kategorien „Bester Film“, „Bestes Originaldrehbuch“ (Chaplin), „Bester Hauptdarsteller“ (Chaplin), „Beste Originalmusik“ (Meredith Willson) und „Bester Nebendarsteller“ (Jack Oakie) nominierte US-amerikanische Spielfilm, der dann bei der Preisverleihung komplett leer ausging, wurde mitten in den Wirren des 2. Weltkrieges produziert. Der von Chaplin gespielte Diktator Adenoid Hynkel ließ den echten “Irren aus Braunau” noch unsinniger erscheinen. Angeblich hat Hitler den Film zweimal angefordert, ob er ihn gesehen, geschweige verstanden hat, ist nicht überliefert. Der Film, der ebenso viel Lob (New York Times: “Vielleicht der bedeutsamste Film, der je produziert wurde”) wie Kritik einstecken musste, war ein Tabubruch, ermöglichte es doch dieser Zugang anderen Regisseuren, die Figur Hitler in lächerlicher Weise darzustellen. Eine Übung, die in jüngeren Tagen dem Regisseur Dani Levy mit der Hitler-Parodie Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler mit Helge Schneider in der Hauptrolle ebenso gelungen ist, so dass ein Gesamtwerk entsteht, das ein Schmunzeln, ja ein befreiendes Lachen auslöst […]wie die Süddeutsche Zeitung in einer Kritik betonte. Mir ist es eigentlich egal, von welcher Seite sich Personen der tiefbraunen Vergangenheit nähern, welche Perspektive sie einnehmen. Wichtig ist vor allem, die niemals enden wollende Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und die hoffentlich daraus resultierende Erkenntnis, dass sich dieser Geschichtsabschnitt, der Millionen von Toten geschultert hat, nie wieder wiederholen darf!

Die Zitate aus der Schlussrede im Film Der große Diktatorwurden mir dieser Tage bei einer Festveranstaltung in Erinnerung gerufen. Gegen Ende seines Vortrages richtete der Redner an sein zahlreich erschienenes Publikum diese Gedanken. Wir alle saßen mit dem Kopf nickend im Publikum, kaum einer wusste um den historischen Kontext Bescheid. Der Film- und Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte in einem Interview mit dem Tagesspiegel über die zitierte “Schlussrede”:“[…] eine Rede, die vor Humanität, Freiheitspathos, Friedensglauben nur so bebt – eine der schönsten Gut-Mensch-Reden aller Zeiten, vor guter Absicht triefend.“ Wir Individuen haben die großen Spielbälle der Politik und die des Weltgeschehnes nicht in der Hand. Wir entscheiden nicht im großen Stil über ökonomische Entwicklungen rund um den Globus. Wir alle aber können jeden Tag einen kleinen Beitrag in unserem persönlichen Lebensumfeld leisten, der unsere eine Welt ein wenig menschlicher werden lässt. Wem die entsprechende Handlungsanleitung fehlt, der schlage nicht beim kleinen, sondern beim großen Diktator an entsprechender Stelle nach!

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