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“Harry, hol schon mal den Wagen!”

Dem preußischen Staatsmann Otto von Bismarck (1815 – 1898) wird das Zitat “Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben” zugeschrieben. Zeit meines Lebens gönne ich mir diesen Reichtum und versuche für Dinge einzutreten, eigene Standpunkte zu verteidigen und nehme dafür bewusst in Kauf, mit meiner Geisteshaltung auch zu polarisieren. Klare Signale zu setzen, Ecken und Kanten zu haben ist zwar nicht immer einfach, aber es hat für die eigene Persönlichkeit und das Selbstwertgefühl einen nahezu reinigenden Charakter. Sich selbst treu zu bleiben, ist für mich keine leere Worthülse! Im Laufe eines Lebens lernt man ohnehin unfreiwillig die gesellschaftliche Mehrheit jener Menschen kennen, die immer erst im nachhinein wissen, was vorher richtig gewesen wäre. Es handelt sich dabei häufig um konturlose Mitschwimmer, Personen ohne klares Profil, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Leute, die bei der ersten brenzligen Situation in Deckung gehen, nahezu unsichtbar werden und wenn die Luft wiederum rein ist, die ersten sind, die den vorteilhaften “Platz an der Sonne” mit Selbstverständlichkeit wieder einnehmen. In der Lebensmitte stehend, kann ich für mich resümieren, dass ich mir uneingeschränkt immer wieder die Freiheit genommen habe, meinen eigenen Standpunkt zu vertreten, Haltung zu dokumentieren und damit Spuren zu hinterlassen.

1988 beispielsweise habe ich mit ein paar Freunden eine Veranstaltungstrilogie organisiert und durchgeführt, die sich mit dem Thema 50 Jahre Einmarsch von Hitlers Truppen und dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland auseinandersetzte. Ausgewählt hatte ich den für mich wichtigen Aspekt des Umgangs meiner Geburtsstadt mit dieser Zeit. Im Vorfeld der Veranstaltungsreihe waren meine Mitstreiter und ich Handgreiflichkeiten ausgesetzt. Der Bürgermeister stellte sich demonstrativ auf die Seite eines “aufrechten Bürgers”, der versuchte, seine Hände statt Argumente sprechen zu lassen. Die Veranstaltungen waren überfüllt mit Menschen, heftige Debatten wurden geführt, teilweise ging es tumultartig zu. Als Initiatoren wurden wir ein paar Jahre später für diese besondere Form der Auseinandersetzung mit der Geschichte meiner Heimat mit einem kleinen Preis gewürdigt. Schon bei er Verleihung hatten sich unerwartet einige der schärfsten Kritiker von damals eingefunden und bekundeten, dass sie es ja schon immer für richtig erachtet hätten, einen kritischen Diskurs mit der eigenen Geschichte zu führen. Das nennt man wohl späte Erkenntnis! 1994 erinnerte ich in einer anderen beruflichen Funktion bei einer Festveranstaltung an die Geschehnisse im Februar 1934, den österreichischen Bürgerkrieg. Der damalige Bundesminister für Bildung war eine der wenigen politischen Personen, die unserer Einladung, ein klares Statement abzugeben, gefolgt ist. Der Veranstaltungsort war übrigens ein Keller, wo zahlreiche Menschen hingerichtet wurden. Ein tragischer Originalschauplatz sozusagen, wo Männer ihr Leben lassen mussten, die für eine Idee überzeugt und konsequent eingetreten sind. Diese Gesichte erzähle ich deshalb, da es noch nicht so lange her ist, dass die freie Meinungsäußerung den Tod zur Folge haben konnte. Ich schreibe diese Gedanken nieder, um klar aufzuzeigen, wo meine Geisteshaltung angesiedelt ist. Mir ging und geht es bei all meinen gesellschaftspolitischen Aktivitäten vor allem darum, Geschehnisse aus dem Blickwinkel einer differenzierten Beurteilung klar zu benennen. Ich habe mit meinem praktischen Engagement vielen Menschen einiges voraus, die nie über den Zustand der Theorie hinaus kommen

Seit Tagen kotzt mich diese “Moralhysterie” in der Debatte um Horst Tapperts Mitgliedschaft bei der Waffen SS so etwas von an, ich finde gar keine Worte dafür. Am Stil, wie sie geführt wird, kann man erkennen, wie verlogen und heuchlerisch weite Teile der Gesellschaft sind. Ein Karteikarte aus dem Jahr 1943 dient als Beweisführung, dass “Kommissar Derrick” medial durch Sonne und Mond geschossen wird. Es findet sich kaum ein Artikel, der zumindest den nicht unwesentlichen Aspekt bespricht, dass es auch gut hätte sein können, dass der 1923 im deutschen Ebernfeld geborene Schauspieler ebenso unter Druck des Unrechtsregimes seinen Gang zur Eliteeinheit der Nazis antreten musste. Nicht freiwillig! Die Berichterstattung über seine angebliche Nazi-Karriere, in der er es immerhin zum untersten Dienstgrad eines SS-Grenadiers gebracht hatte, zeigt eindrucksvoll, wie die Maschinerie funktioniert. Es gibt eine Person, die “etwas hergibt”, und dann holen alle gesammelt zum medialen Angriff aus, sich selbst in der Überzeichnung der Tatsachen überbietend. Wo bleibt hier noch Platz für journalistische Fairness, Anstandsregeln, moralische Sorgfaltspflicht und eine respektvolle Auseinandersetzung? Im Fall von “Derrick” kommt für die schreibende Zunft noch erfreulich hinzu, dass sich der 2008 verstorbene “Beschuldigte” nicht mehr wehren kann. Wäre nicht auch eine Betrachtungsweise zulässig, dass der damals 19 Jahre alte Tappert statt großer Verdienstorden, einen Unterarmdurchschuss und eine Bauchverletzung als persönliche Erinnerungsstücke aus dem 2. Weltkrieg davon getragen hat?

Selbstverständlich gehört es zur Verpflichtung der Medien zu informieren. Mich würde interessieren, wie sich all jene engagierten Journalisten, die sich aktuell in einer eindimensionalen Berichterstattung über den “Ehrenkommissar der bayerischen Polizei” hervortun, selbst entschieden hätten. Was hätten sie gemacht? Wären sie allesamt in den Widerstand gegangen? Ich für meine Person kann es nicht beurteilen, ich hätte vermutlich meinem Naturell entsprechend versucht dagegen zu halten! Was aber, wenn man eine Familie hat, die einen braucht, was, wenn ein Nein zum Ja den sicheren Tod bedeutet? Ich kann es nicht eindeutig beantworten. Daher maße ich es mir nicht an, über andere reflexartig zu urteilen. Rein statistisch hätte sich die Mehrheit der Bevölkerung auf der falschen Seite der Geschichte wiedergefunden, sogar freiwillig! Im Wohlstand unserer Zeit leben zu dürfen, wo es zumindest in unseren Breiten etwas wie ein verbrieftes Recht auf Sicherheit und Freiheit des Individuums gibt, ist es sehr leicht vom Schreibtischsessel aus die Vernichtung von Menschen voranzutreiben. Nicht wissend, wie es sich anfühlt, keine Alternative zu haben außer dazu zu gehören, oder was es bedeutet, wenn sich die Bandbreite der Wahlmöglichkeiten nur auf ein JA wie Leben oder ein Nein wie Tod reduziert. Der *Konstanzer Südkurier hat kürzlich eine einfache Formel zur Gewissensprüfung mit anschließendem Ratschlag veröffentlicht: “Wie hätte man damals selbst gehandelt? Heldenhaftes lässt sich bekanntlich schnell niederschreiben. Danach leben steht auf einem anderen Blatt.”  281 Folgen der in über 100 Ländern ausgestrahlten Serie hat es gegeben. Folge 282 könnte Derricks langjähriger Assistent der Serie, Harry Klein, alleine spielen. Er sollte nochmals seinen Wagen holen und alle jene Heuchler einsammeln und zurück in die Vergangenheit chauffieren. Dort hätten sie die Gelegenheit, unter authentischen Bedingungen, ihre argumentative Standhaftigkeit zu überprüfen. “Die Gnade der späten Geburt”, wie es der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1984 formulierte, war und ist für alle dem Krieg nachfolgenden Generationen eben ein besonderes Glück!

http://www.suedkurier.de/nachrichten/

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