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Au revoir, Marseille!

Bei einem gepflegten Pastis nach Originalrezeptur von Paul Ricard, der in den 1930er Jahren von Marseille aus die Bars der Provence und später der Welt eroberte, am Cours Jean Ballard sitzend, ziehen die letzten Stunden in Marseille nochmals an mir vorbei. Meine starke Erkältung der letzten Tage scheint wie verflogen. Ob mich eine Vielzahl von Tabletten, französischer Cognac oder einfach die starken Eindrücke einer mir bislang unbekannten Stadt wieder gesunden haben lassen, vermag ich nicht eindeutig zu beantworten. Vor mir herrscht buntes Treiben, der Platz ist mit Menschen gefüllt, links von mir tun sich die vielen Boote auf, die in der Kulturhauptstadt 2013 vor Anker liegen. Seit 2600 Jahren dreht sich das Leben um den alten Vieux Port. Unweit von dort habe ich gestern in einer einfachen und kleinen Brasserie ein Entrecôte gegessen, das in mir den Gedanken aufkommen hat lassen, ob ich mich nicht als Gastrokritiker verdingen sollte. So unglaublich gut habe ich schon lange nicht mehr die Raffinesse einer Speise, diese sanften, durch unterschiedlichste Gewürze ausgestrahlten und am Gaumen wahrgenommenen Impulse verspürt. Angetan hat es mir auch der Rose Wein, den ich seit Jahren nicht beachtet habe. Kleschkalt, wie meine Lieblingsnachbarin sagen würde, haben wir uns durch einige Gläser “Rose Cote de Provence” überzeugen lassen, dass dieser Wein Respekt und Anerkennung verdient. Die eine oder andere Flasche dieses erfrischenden Tropfens wird den Weg in meinen Weinkeller finden.

Es gibt Städte, in denen man ankommt und sofort verspürt, das ist typisch italienisch, spanisch etc., es gibt eben eine eindeutige geografische Zuordnung. Ich könnte die Stadt der 170 Dörfer mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern nicht als eindeutig französisch festmachen. Junge Menschen, unzählige Nationalitäten und ein Lebensgefühl der Entspanntheit prägen das Bild. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich die gesamte Stadt um 18.00 Uhr auf den legendären Apero trifft, was nichts anderes bedeutet, als einen Gang zurückzuschalten, sich Zeit zu nehmen und mit einem guten Glas den Abend einzustimmen. Eine fruchtbare Basis, um Kultur gedeihen zu lassen, wie ich meine. An nahezu jedem Platz dieser faszinierenden Stadt ist spürbar, dass es für diese Dimension einen übergeordneten Plan gibt. 1996 wurde die Wiederbelebung der zweitgrößten Metropole Frankreichs eingeleitet – Euromediterranee heißt der städtebauliche Masterplan, der, so mein Eindruck, nicht nur konsequent umgesetzt, sondern auch inhaltlich belebt und von der Bevölkerung mitgetragen wird. Marseille präsentiert sich als Brücke über das Mittelmeer und als Vermittler zwischen afrikanischen und europäischen Anrainern. Während sich andere gegenüber dem südlichen Kontinent abschotten, werden hier kulturelle wie auch wirtschaftliche Chancen erkannt. Unabhängig von den Problemen, die das Zusammenleben verschiedener Nationen mit sich bringt, erfreuen sich einige Viertel der Stadt als Orte des gelungenen Zusammenlebens: Afrika und die Provence treffen sich an den Marktständen, in Cafes und Restaurants. Französischer Espresso trifft auf orientalisches Gebäck, Bouillabaisse auf Couscous.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass mir Architektur und Kultur überall besser gefällt als in meiner Heimat. Nein, das ganz sicher nicht. Mich fasziniert einfach diese über den Tellerrand hinaus getragene Dimension von den Entwicklungsmöglichkeiten einer Stadt oder einer Region und vor allem der Umstand, dass Kultur nicht als Geldvernichtung, sondern als wertvoller Wirtschaftsfaktor gesehen wird, in den es sich zu investieren lohnt. Das sanierungsbedürftige Areal auf dem Marseilles Zukunft gestaltet wird, umfasst ca. 480 Hektar. Unvorstellbare 7 Milliarden Euro werden dort in den nächsten Jahren investiert. Erste Ergebnisse tragen die Handschrift der britisch-irakischen Stararchitektin Zaha Hadid. Während bei uns manchmal inhaltsleer einfach Stahlbetonträger mit Glasfronten gefüllt werden, zeigt beispielsweise der von Rudy Ricciotti entworfene transparente Kubus des neuen Kunstmuseums (MuCEM) mit spektakulärer Außenhülle ein neues Selbstbewusstsein kultureller Schnittpunkte. Dieses Leitmotiv findet seine konsequente Fortsetzung im inhaltlichen Programm der Kulturhauptstadt 2013. Das gefällt! Au revoir, Marseille!

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