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Halbstarke Zukunftsaussichten

Meine Gedanken zum Thema Selbstjustiz wollte ich ursprünglich für mich behalten, man weiß ja nie so genau, wer meine Blogs liest. Daher stelle ich gleich voran, keine Sorge, ich bin in guter mentaler Verfassung, wenngleich ich da schon ein paar konkrete Anmerkungen aus jüngster Zeit zum Thema habe. Als Beispiel könnte ich jenen Taxifahrer anführen, der mit mir als Fahrgast zuerst sämtliche Ampelsignale und Verkehrzeichen missachtet hatte, um dann als Höhepunkt unserer kurzen Fahrt eine Straßenbahn zu touchieren. Ich war sozusagen Seite an Seite mit der Tramway, auf der Rückbank rechts hinten sitzend, als das Taxi die Bahn am Ende des letzten Waggons streifte und die Funken ob der Berührung von Metall mit Metall nur so flogen, bis sich der Seitenspiegel durch den Aufprall vom Auto löste und wie ein Bumerang in die Lüfte emporstieg. Ort des Geschehens war die Wiener Ringstraße an einem der vergangenen Abende, als ich wetterbedingt in ein Taxi gestiegen bin. Der Fahrer, ein integrationswilliger Mitbürger im Anfangsstadium, schimpfte wie ein Rohrspatz in wenig ausgeprägter deutscher Sprache mit stark arabischen Akzent. Er beschwerte sich mit einer permanenten Wiederholung von “Du Arsch” über die Fahrweise der Straßenbahn und wollte nicht verstehen, dass nicht die Straßenbahn, sondern er vom vorgegebenen Weg abgekommen war. Meine ob des Schreckens ohnedies verhaltenen Anmerkungen wollte er nicht zur Kenntnis nehmen. Ich forderte von ihm, sofort anzuhalten, damit ich aus dem Taxi aussteigen könne, was er jedoch nicht akzeptieren wollte. Die Rotphase der nächsten Ampel löste das Problem für mich, ich verließ den Wagen ohne zu bezahlen unter einem Wortschwall von eher nicht jugendfreien Wortspenden des Fahrers, die ich aber aus Gründen meiner gelebten Diversität nicht erwiderte. Als ich noch immer blaß vor Schreck und ohne Schirm den Heimweg Richtung Wohnung zurücklegte, dachte ich mir, dass mein Fußmarsch zwar sicherer war als das Taxi, dass ich aber den “irren Fahrer” im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Verkehr hätte ziehen sollen.

Darüber hinaus hat mich dieser Tage die Frage des Vigilantismus beschäftigt, nachdem ich kürzlich vor der Festung Château d’If geankert habe, einem ehemaligen Gefängnis zirka eine Seemeile vor der Küste von Marseille. Die Felseninsel verdankt ihre Berühmtheit dem Schriftsteller Alexandre Dumas, der einen Teil der Handlung seines 1844 erschienenen Romans “Der Graf von Monte Christo” dort angesiedelt hat. Die ursprünglich als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift “Le Journal des débats” erzählte Geschichte beinhaltet als Leitmotiv die Selbstjustiz eines zu Unrecht Verurteilten gegen jene vier Personen, die ihn ins Gefängnis gebracht hatten. In der Kunst und Literatur war und ist das “außergesetzliche Vorgehen von nicht dazu Berufenen” immer schon ein großes Thema gewesen. Man denke an den US-amerikanischen Kriminalthriller aus dem Jahr 1974 “Ein Mann sieht rot” mit Charles Bronson in der Hauptrolle. Oder an die Filme aus der Reihe “Dirty Harry” mit Titeldarsteller Clint Eastwood. Wie hätte er sich wohl von meinem Taxifahrer verabschiedet, oder etwa der deutsche Dramatiker und Lyriker Heinrich von Kleist, der sich in seiner Novelle “Michael Kohlhaas” mit dem Thema Fremdjustiz kritisch auseinandergesetzt hat. Im realen Leben war beispielsweise in den USA die Selbstjustiz während des Goldrausches, in Kalifornien insbesondere während des Kampfes um die Beherrschung der Goldfelder nach dem Goldrausch von 1849, stark verbreitet. Diese Gesinnung könnte eine schlüssige Erklärung dafür sein, warum knapp 150 Jahre später eine Killerfigur wie Arnold Schwarzenegger zum 38. Gouverneur von Kalifornien wurde. Allerdings habe ich keine Bilder in Erinnerung, wo “Arnie” mit dem Colt bewaffnet durch Kalifornien ritt. Nur Eindrücke aus seinem ersten Wahlkampf sind mir noch gegenwärtig, wo er mit einem Besen unter dem Arm durch die Lande zog – welch Abziehbild der eigenen Geschichte könnte man meinen, eine sinnbildliche Mutation vom kraftstrotzenden Terminator zur ordnungsbringenden Hexe.

Ich staune immer wieder, was man alles so entdeckt, wenn man sich mit einem Thema vertiefend auseinandersetzt. Die *Kriminologische Initiative Hamburg e.V. hat interessanterweise genau an einem 11. September, im Jahr 2011, zu einem Vortragsabend zum Thema Selbstjustiz geladen. Unter dem Titel “Wenn man das Recht in die eigene Hand nimmt – Vigilantismus – Selbstjustiz – Extralegale Intervention” wurde eine Reihe relevanter Fragen wie Funktionen der Selbstjustiz, Virtueller oder Cyber- Vigilantismus und die nicht zu vernachlässigende Themenstellung Selbstjustiz in der „Pop-Kultur“ besprochen. Das führt mich gedanklich zu einer Begrifflichkeit, die ich nahezu schon aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte: zu den sogenannten Halbstarken, die der deutsche Journalist und Historiker Bodo Mrozek als die wahren Auslöser der Popkultur bezeichnete. James Dean und Marlon Brando dienten als Vorbilder, Filme wie “Denn sie wissen nicht, was sie tun” schrieben Geschichte. Erstmals wurden auf der Kinoleinwand die Probleme einer aus damaliger Sicht verlorenen Generation in Gesellschaft und Familie explizit thematisiert. “Ähnlich wie ihre Vorbilder in amerikanischen Filmen – fuhren sie als Banden durch die Gegend. Nicht zuletzt durch starken Alkoholkonsum und Schlägereien machten die Cliquen Halbstarker von sich reden.” Dieses aus Wikipedia übernommene Zitat könnte die Lebensumstände von 2013 ebenso beschreiben. Teilweise erschrecken mich die Bilder und Berichte über die Jugendkrawalle in Europa, aktuell Stockholm, als Ausdruck des Unrechts für die Marginalisierung ihrer Probleme. Es beschäftigt mich ebenso, wenn ich zu später Stunde durch die Stadt gehe und schwer alkoholisierte oder sonst irgendwie zugedröhnte Jugendliche meinen Weg queren. Ein für mich immer stärker werdender Vandalismus geht mit diesem Empfinden einher. Die Schamgrenzen, sich aus Gründen der Provokation außerhalb von gesellschaftlichen Regeln zu bewegen, sinken immer weiter nach unten. Die Triebfeder dieses Verhaltens ist der offensichtliche Mangel an Vertrauen junger Menschen in den Staat und in die Gesellschaft. Diesen verzweifelten Hilfeschrei sollten all jene als Handlungsfeld erkennen, die in ihren salbungsvollen Sonntagsreden die nachfolgende Generation als Zukunft einer Nation modellieren wollen.

*http://kriminologische-initiative.de/2011/09/

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