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Die Wege des Herrn sind unergründlich

Als mir vor rund zwei Wochen Herr Ratzinger via ORF2 den österlichen Segen „urbi et orbi“ erteilte, wurde mir einmal mehr bewusst, wie weit weg von der Realität doch diese katholische Kirche ist. Er hat es ja nicht gerade leicht der gute Benedetto, langsam aber sicher drängt sich einem der Verdacht auf, dass ihm und seiner Kirche jeglicher Bezug zum Leben der Menschen abhanden kommt. Die reaktionären Ansichten des Vatikans, etwa hinsichtlich Frauen in kirchlichen Ämtern oder einer zeitgemäßen Reflexion des Zölibats, sind ja mittlerweile hinlänglich bekannt. Aber dass das Oberhaupt von über einer Milliarden Gläubigen weltweit zum Auftakt seiner Afrikareise kundtut, man könne das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln, zeugt gelinde gesagt nicht gerade von Fingerspitzengefühl. Doch bei einem Papst der ein 9-jähriges Vergewaltigungsopfer wegen einer berechtigten Abtreibung exkommuniziert, demokratiefeindliche Fanatiker (Pius-Bruderschaft) um sich schart und auch noch eine zwielichtige Nähe zu einem Holocaust-Leugner pflegt, muss ich wirklich sagen: Die Wege dieses Herrn sind unergründlich.
Schauplatz Österreich: Hier gibt es laut kirchlicher Statistik der Diözesen Österreichs 5,6 Millionen Menschen mit römisch-katholischem Bekenntnis. Und auch hier glänzen die Proponenten der größten Glaubensgemeinschaft des Landes nicht gerade durch Sensibilität. Nachdem die Herren Groer und Krenn bereits in den 90er Jahren von sich Reden machten, plaudert der designierte Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner vor kurzem in einem Interview darüber, dass Homosexualität heilbar sei. Der Vorarlberger Bischof Elmar Fischer schlägt in dieselbe Kerbe, als er Homosexualität mit „psychischen Erkrankungen“ wie Alkoholismus, die geheilt werden könnten, gleichsetzt.

Und auch die vielzitierte Trennung von Kirche und Staat besteht hierzulande bei genauerem Hinsehen in vielen Bereichen nur auf dem Papier. Wie erklärt sich etwa der verpflichtende Religionsunterricht, an dessen Stelle wir aus meiner Sicht dringend ein Fach bräuchten, in dem Jugendliche und Kinder gemeinsam über gute Formen des Zusammenlebens diskutieren, in dem vorurteilsfrei jegliche Weltanschauung und Religion hinterfragt werden kann? Wie erklären sich der Sitz der KirchenvertreterInnen im ORF-Stiftungsrat, die Befreiung von Seelsorgern bei Stellungspflicht und Wehrdienst oder die steuerliche Absetzbarkeit des Kirchenbeitrags? Wie erklärt sich eine Durchsetzung mit christlichen Feiertagen, in einem Land, in dem mindestens ein Drittel der Bevölkerung keine religiösen Werte vertritt?

Und während sich die christlichen Kirchen leeren, sprechen Religions- und Trendforscher von einer Rückkehr der Religion und erklären die Säkularisierung zu einem modernen Mythos. Dabei hätte die Kirche aus meiner Sicht, um es werbetechnisch auszudrücken, eine riesige Zielgruppe zu bedienen. Die heutige Sehnsucht nach Spiritualität ist doch nichts weiter als das Unbehagen der Menschen, in einer reduzierten, technokratischen Industrie- und Informationsgesellschaft. Angesichts der globalen Herausforderungen dieses 21. Jahrhunderts, angesichts von Weltwirtschaftskrise, Rekordarbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen und dutzenden Krisenherden hat das Unternehmen Kirche erstaunlich wenige Antworten auf die berechtigten Fragen ihrer Klientel. Im Gegenteil: Der CEO (Papst) präsentiert sich abgehoben, die Führungsriege (Bischöfe) weltfremd, das Bodenpersonal (Klerus) verbittert und ratlos. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt dramatisch. Vielmehr noch: Die Ergebnisse dieses selbstherrlichen Pontifikats: ein deutlich verschlechtertes Verhältnis zum Judentum, einen belasteten Dialog zu den Muslimen und ein gestörtes Vertrauensverhältnis zu den evangelischen Kirchen, aber auch zur eigenen kirchlichen Gemeinschaft. In einer Sache ist die katholische Kirche jedoch up to date: Der Vatikan ist ein Wirtschaftsunternehmen, das seinesgleichen sucht.

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