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Blutige Doppelmoral

Ich weiß, im Nachhinein ist man immer klüger. Aber die Causa Gaddafi wirft schon einen Haufen berechtigter Fragen auf. Wie konnte es soweit kommen, dass die gesamte Staatengemeinschaft einem gefährlichen Blender aufsitzt, einem selbstherrlichen Psychopaten, einer grotesken Mischung aus Prinz aus Zamunda und Michael Jackson? Hat man tatsächlich an die völlige Läuterung des Irren geglaubt? Nach Lockerbie? Nach dem blutigem Anschlag auf die Berliner Diskothek? Schöngeredet haben sie ihn sich. Mit einer naiven Doppelmoral, die einem westlichen Demokratieverständnis unwürdig ist. Und er hat es ihnen leicht gemacht, zu vergessen. Mit fetten Milliardentransfers und fragwürdigen Lippenbekenntnissen zur Abrüstung machte er sich wieder salonfähig und lockte das Who ist who der Weltpolitik nach Tripolis. Schröder, Blair, Putin und nicht zuletzt sein Intimus Berlusconi, der ihm Punkto chauvinistischer Machoattituden wohl um wenig nachstehen dürfte. Allein die Italienconnection gibt zu denken: Libysche Investoren halten 7,6 Prozent an der Mailänder Bank UniCredit. Gaddafi ist zweitgrößter Aktionär von Iuventus Turin. Hier wurde Bunga Bunga im ganz großen Stil gespielt. Unvergesslich auch die Bilder von Haider und Gorbach in Socken, wie sie Gaddafi ihre Aufwartung machen, eine speichelleckende Wirtschaftsdelegationen aus Österreich im Schlepptau. Absurd, aus jetziger Sicht.

Heute wird der internationalen Staatengemeinschaft der Spiegel vorgehalten. Der selbsternannte Sonnenkönig zeigt sein wahres Gesicht. Und tausende Unschuldige zahlen einen hohen Preis dafür. Wie ein in die Enge getriebenes Tier schnappt er in alle Richtungen und ist zu allem bereit, auch dazu sein eigenes Volk mit in den Untergang zu reißen. Ob internationale Sanktionen ihn davon abhalten können, bleibt abzuwarten. Erschreckend auch die Rolle von Saif Gadhafi, dem man wegen seines Studiums und seines westlich-smarten Lifestyles vielleicht eine gewisse Distanz zum väterlichen Wahnsinn attestierte. Aber die Brandreden der letzten Tage lassen den Schluss zu, dass sich das Psychogrammm des Irrsinns hier innerfamililär fortsetzt. Beängstigend, wie ich finde. Aber was lernen wir aus der Geschichte? Aus meiner Sicht bedarf es unverrückbarer Mindeststandards von Staaten, von gefestigten Demokratien, im Umgang mit Diktaturen und Terrorregimen. Wenn diese Spielregeln der Demokratie je nach politischer und wirtschaftlicher Interessenslage ausgetauscht werden, dann sind viele von jenen, die erst heute lautstark über  Gaddafi und seine Gefolgschaft herziehen, selbst zu Mittätern geworden.

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