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Zukunftsaussichten

Die letzten Tage habe ich im malaysischen Kuala Lumpur verbracht, um mich auf der ITEX 2016 (International Invention & Innovation Exhibition) nach außergewöhnlichen Innovationen umzusehen. Es ist bereits die 27. Messe dieser Art in jener Stadt, die übersetzt „schlammige Flussmündung“ heißt. Hier ist es immer wieder ein Erlebnis in eine Welt einzutauchen, die den Besuchern überraschende Produkte präsentiert, die es so am Markt noch nicht gibt. Nach dem Motto „Es gibt nichts, was es nicht gibt“ kann man sich mit bahnbrechenden Erfindungen beispielsweise im Medizin- oder Energiebereich ebenso vertraut machen, wie mit erstaunlichen Skurrilitäten, die geistreichen Köpfen entsprungen sind. Dem Denken sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt, dem mit großem Stolz gezeigten Ideenreichtum noch weniger. Interessanterweise kommen die Aussteller nicht nur vom asiatischen Kontinent, was naheliegend ist, sondern auch aus Russland, Saudi Arabien oder doch ein wenig überraschend aus Polen. Deutschsprachige Aussteller suche ich seit Jahren vergeblich bei derartigen Events. Aber vielleicht ist in unseren Breiten der Veränderungsdruck noch immer zu gering, dass wir unsere Aktivitäten und Erneuerungen dort hin bewegen müssen, wo die Zukunftsmusik mit voller Lautstärke angestimmt wird. Ich würde meinen, dass all jene Politiker, Interessensvertreter und andere Kommentatoren, die in unseren Regionen bei ihren Sonntagsreden so gerne über Innovation, Erfindergeist und Unternehmertum sprechen, sich einfach mal in einen Flieger setzen sollten, um eine dieser großen internationalen Erfindermessen zu besuchen, das könnte ein paar Bilder im Kopf nachhaltig korrigieren.

Dort könnten sie mit unverstelltem Blick erfahren, in welch unglaublichem Ausmaß Erwachsene und Jugendliche, mitunter sogar Kinder bereit sind, Zeit und Ressourcen in gelebten Erfindergeist zu investieren. Da geht es nicht um in sterilen Labors gefertigte High-Tech Prototypen, sondern teilweise ebenso um Versuche, die vermutlich nie das Licht der Welt in Form von Serienreife erblicken werden. Aber die Menschen werden dazu animiert, sich mit den Problemen des Alltags, mit Verbesserungen von bestehenden Bedingungen oder uns vertrauten Dingen zu befassen. Als ich vor Jahren erstmals eine derartige Messe am asiatischen Kontinent besucht habe, bin ich davon überwältigt gewesen, dass so viele junge Menschen eine dieser Erfindermessen nicht einfach nur in Form eines Besuches konsumieren, sondern interessiert und aktiv daran teilnehmen, von Ausstellerstand zu Ausstellerstand gehen, um neue Produkte und vor allem deren Entstehungsgeschichte im Hintergrund kennen zu lernen. Gut habe ich noch den Satz ein Lehrerin im Ohr, die mir (es muss 2011 gewesen sein) auf meine Frage, was all die Schüler hier tun, sinngemäß antwortete: „Wenn wir wollen, dass Erfindergeist gefördert wird, dann müssen wir den jungen Menschen praktisch zeigen, was in Zukunft möglich sein wird“. Heute, ein paar Jahre später, verfügt die ITEX 2016 bereits über eine eigene Ausstellungsfläche für junge Erfinder. Es versetzt die Besucher in Staunen, wenn man die Präsentationen der minderjährigen Masterminds sieht, die mit einfachsten Mitteln ihre Ideen zu ersten Anschauungsmustern gefertigt haben. Aus meiner Sicht basiert die Welt von morgen genau darauf, dass Menschen bereit sind, ein Risiko zu wagen und den entsprechenden Mut an den Tag zu legen! Seit Jahren laufe ich von Politiker zu Politiker, von Interessensvertreter zu Interessensvertreter, um eine jener Personen, die nicht müde werden in der Theorie von Innovationen zu sprechen, davon zu überzeugen, eine große Erfindermesse nach internationalem Vorbild als Publikumsmesse zu veranstalten. Eine Veranstaltung, in der die herannahende Zukunft gezeigt und weiter entwickelt wird. Fehlanzeige, in fast 5 Jahren habe ich niemanden von Rang und Namen gefunden, der bereit gewesen wäre, eine derartige Idee zu unterstützen. Schnitt!

In dieser Woche bin ich im Norden Deutschlands eingeladen, an einer Hochschule anlässlich einer Enquete über das Thema „Scheitern“ zu sprechen. Schon im Briefing wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass es gut wäre, wenn ich in meinem Debattenbeitrag den Anwesenden die Welt der Niederlagen im positiven Sinne erklären könnte: dass das allseits verpönte und gefürchtete Scheiternals Teil einer Entwicklungsgeschichte anerkannt und akzeptiert werden sollte. Auf der ITEX  2016 habe ich in den vergangenen Tagen viele Bilder von Erfindern mit ihren Innovationen gefertigt. Diese Aufnahmen werde ich bei meinem Vortrag zeigen, analog dazu die Entstehungsgeschichten der Erzeugnisse schildern und die Biografien jener Menschen erzählen, die hinter diesen vielfältigen Geistesblitzen stehen. Monate, im Normalfall Jahre in die Formung und Umsetzung einer anfänglichen Idee zu stecken, sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Damit einher gehen die unendlichen Anläufe, das wiederholte Hinfallen und wieder Aufstehen bis ein Ziel erreicht, bis aus einer Vision ein anfassbares Produkt wurde. Bei uns wird so gerne über Innovation geredet, damit wir den wirtschaftlichen und technologischen Anschluss insbesondere an den asiatischen Kontinent nicht verlieren. Wenn wir das wirklich wollen, dann werden wir erkennen müssen, dass es ohne Risiko keinen Fortschritt gibt! All jene Entscheidungsträger, die jeglichen innovativen Fortschritt so gerne zu Tode normieren wollen, damit mit unverrückbaren Standards jedes Risiko und jede Fehlerquelle schon im Keim erstickt wird, werden irgendwann verstehen müssen, dass bereits an der Wurzel erstickte Kreativität und permanentes Hineinpressen in Schablonen keine vielversprechende Grundlage sind, um wirtschaftlich auf der Überholspur zu bleiben. Diese These kann praktisch auf Erfindermessen, wie der soeben in Kuala Lumpur besuchten, eindrucksvoll belegt werden.

 

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