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Wie die Tiere

Die vergangenen vier Wochen hatte ich Gelegenheit, das universitäre Leben in den USA kennenzulernen. Ich teilte mein Leben mit 500 Studenten aus 45 Ländern, Frauen und Männern von Usbekistan bis Brasilien, von Japan bis Frankreich. Ich tauschte mein komfortables Appartement in der Wiener Innenstadt gegen ein karges Zimmer auf einem amerikanischen Campus! Ich habe diesen Schritt bewusst gewählt und damit meinen Raum zur persönlichen Entfaltung auf ein Minimum reduziert. Verpflegung und Körperhygiene fanden in Gemeinschaftsräumen statt, was zwangsläufig dazu führt, dass man manche Studienkollegen besser kennen lernt, als einem lieb ist: Da wird in der Cafeteria Essen derart auf Tabletts aufgeladen, dass beträchtliche Teile davon auf den Boden landen, es würde jedoch niemanden einfallen, sein Zeug vom Boden wieder aufzuheben. Da schaufeln die Leute mehrheitlich ihre Teller so voll, dass ein großer Teil davon sich auf dem Förderband in den überdimensionalen Mülleimer wiederfindet. (Egal auch, schließlich ist jedes Essen gratis.) Da ist es ratsam, Bad oder Toilette nur unmittelbar nach deren Reinigung durch professionelles Personal aufzusuchen, da man sich ansonsten in einer Kloake wiederfindet. In Anlehnung an Karl Krauss würde ich diese Menschen nur deshalb grüßen, um ihnen ihren Gruß zurückgeben zu können, aber leider: es grüßt hier auch niemand.

Nach diesem sehr intensiven Monat frage ich mich ernsthaft: Bin ich alt? Spießig? Bürgerlich? Ein wohlstandsverwahrloster Snob? Oder warum irritiert es eigentlich nur mich, dass die Leute hier wie die Tiere leben? Mein Impetus allfälligen Einladungen zu privaten Besuchen meiner Kommilitonen zu folgen, hielt sich jedenfalls mehr als in Grenzen! Und das traurige daran: Nach diesen vier Wochen der intensiven Beobachtung, wird mir klar, dass es sich dabei um keine Einzelfälle, sondern um einen repräsentativen Schnitt handelt. Nur um nicht falsch verstanden zu werden: Mir geht es nicht darum, über das schlechte Benehmen zu nörgeln oder die Leute zu Etikette und Stil a la Elmayer zu drillen. Aber Ausbildung und Erziehung bedeuten auch, jemandes Geist und Charakter zu formen und seine soziale Entwicklung zu fördern. Und möglicherweise müssen wir über Methoden nachzudenken, den jungen Leuten nicht nur fachliche Kompetenzen zu vermitteln, sondern auch Umgangsformen beizubringen, die der zivilisierten Welt entsprechen, um im späteren Leben bestehen zu können. Denn wenn ihnen die primitivsten Basics fehlen, wen wollen diese Menschen führen? Was werden sie an sozialem Verständnis, an Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft weitergeben?

Schließlich sollen die jetzigen Studenten die späteren Masterminds in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik werden. Führungspersönlichkeiten, die bald nicht nur ihre fachlichen Kompetenzen, sondern auch ihre menschlichen Qualitäten unter Beweis stellen werden müssen. Ist es naiv zu meinen, dass Leadership auch ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz beinhalten sollte, an Rücksicht und Respekt und einem Mindestmaß an Umgangsformen seinen Mitmenschen gegenüber? Das Erlernen dieser Mindeststandards könnte möglicherweise das Sensorium des einzelnen so schärfen, dass sich am Ende die Gesellschaft als gesamtes positiv weiterentwickelt! Und auch wenn es in den Job Descriptions nicht ausdrücklich erwähnt wird: Künftige CEOs, Vorstände und Aufsichtsräte sollten auch in der Lage sein, eine Toilettenspülung zu bedienen. Ansonsten: Willkommen im globalen Saustall!

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