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Widerwärtig!

Die Verhaftung von Gottfried Küssel und Konsorten war längst überfällig. Allzu dreist hat sich die Nazi-Szene in den letzten Jahren eingenistet, sich entspannt ihrer Selbst-PR gewidmet, zuletzt auf der schnell wieder gesperrten Website alpen-donau.info. Ein Teil dieser rechten Brut ist jetzt in Gewahrsam und das ist gut so. In meine Genugtuung darüber mischt sich jedoch eine gewisse Nachdenklichkeit. Auch über mich selbst. So sehr ich das braune Gedankengut verabscheue, so sehr merke ich, dass mein Gehirn bei dem Thema mitunter auf Durchzug schaltet. Dass mir die Faschismus-Keule manchmal zu viel wird. Weil man den Eindruck gewinnt, dass ohnedies schon jedem eine rechte Gesinnung attestiert wird, der ein paar gesellschaftliche Wahrheiten anspricht, allen voran bei Fragen der Migration. Erreicht man möglicherweise mit Daueraufklärung und Übersensibilisierung manchmal genau das Gegenteil? Dass Menschen abstumpfen? Und vielleicht in gewisser Weise resistent gegen manche rechten Verführungen werden?

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor über 20 Jahren erlebt habe: Als 1988 allerorts des 50jährigen Anschlusses Österreichs ans Nazi-Deutschland gedacht wurde, bin ich, damals aus meiner ländlichen Heimat kommend, nach Wien gefahren, um das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes aufzusuchen. Ich wollte wissen, wie es um meine Geburtsstadt Köflach in der Nazizeit bestellt war. Viele Stunden habe ich dort verbracht, um Zeitungsartikel und Polizeiprotokolle zu lesen. Und plötzlich gerieten einige Bürger meiner Heimatstadt in ein ganz anderes Licht. Plötzlich sah ich Anwälte, Notare, Beamte, Selbständige, Politiker – Menschen, die ich seit langem persönlich kannte – aus einem ganz anderen Blickwinkel. Damals allesamt “Ehrenwerte Bürger” aber mit ordentlicher “brauner Vergangenheit” in der Rückblende. Allen voran der Köflacher Heimatdichter Hans Kloepfer, der in der Nazizeit wöchentlich ein Gedicht für den Führer auf der Titelseite der “Weststeirischen Volkszeitung” publizierte und als Dank dafür die Goethe-Medaille vom Regime überreicht bekommen hatte. Inklusive einer Kranzspende vom Führer bei seinem Ableben 1944, die mit dem persönlichen Waggon von Adolf Hitler per Bahn nach Köflach zugestellt wurde, wie ich in den Archiven des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes nachlesen konnte.

Vor einigen Tagen wurde in der Nacht auf Phönix eine Dokumentation über den Eichmann Prozess gesendet, der vor 50 Jahren begonnen hat. Es war mir unerträglich, diese widerlichen Rechtfertigungen von Adolf Eichmann zu hören, nach dem Motto “Ich habe ja nur meine Pflicht getan und dem Führer gedient”. Auf so erbärmliche Weise nach einer Rechtfertigung zu suchen, um einen Massenmord an Millionen von Menschen zu erklären. Das ist widerwärtig! In dieser Situation wurde mir klar, wie wichtig und unerlässlich es ist, dass es Menschen gibt, die immer wieder und unaufhörlich vor den faschistischen Gefahren warnen. Auch wenn wir es manchmal nicht mehr hören können. Es gibt es nur ein probates Mittel, um den Kleingeist vom rechten Rand Paroli zu bieten: das nicht vergessen. Wir alle müssen öfter über die Vergangenheit nachdenken, um es in der Zukunft besser zu machen. Mich eingeschlossen.

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Comments 3

  1. Thomas Kloepfer

    Sehr geehrter Herr Scheucher,

    ich bin ganz Ihrer Meinung, dass in Österreich zu viel unter den Tisch gekehrt wird und wurde. Als Enkel von Dr. Hans Kloepfer habe ich naturgemäß eine andere Einstellung als Sie (was wohl u. a. in der genaueren Kenntnis des Menschen Hans Kloepfer und seiner – leider nur familienintern weitergegebene – Einstellung begründet liegen mag). Ihm aber ausdrücklich sozusagen den „Vorwurf“ zu machen, dass ihm Adolf Hitler persönlich einen Kranz schicken liess, dafür kann er ganz bestimmt nichts.

    Weiters möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf zahllose Zeitgenossen meines Grossvaters – der nebenbei vor allem sein ganzes Leben lang Landarzt war – lenken, denen aber das Glück beschert war den Krieg zu überleben und sich daher nachher irgendwie „rechtfertigen“ zu können bzw. zu „dürfen“ und die nebenbei mit Auszeichnungen aller Art um Verdienste des Kulturschaffens in Österreich in den Jahren nach Ende des Krieges bedacht wurden.

    Wenn man die Dinge schon mit der scharfen Brille betrachtet, so meine ich doch, dass wir uns alle bei der Nase nehmen sollten, da wir immer wieder nur zu gerne bereit sind, uns unangenehme Dinge auszublenden, wovon ich mich ausdrücklich nicht ausschliessen möchte. Beispiele auch aus heutiger Zeit fallen mir genügend ein – und Ihnen sicher auch – und sie alle hängen für mich mit dieser unserer unseligen Vergangenheit und den blinden Flecken unseres Gewissens zusammen.

    Mit freundlichen Grüssen

    Thomas Kloepfer

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