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Sternstunden des Scheiterns

Als ich ein Kind war, wollte ich mit dem Kopf durch die Wand. Zu groß war die Neugier, die Freude am Entdecken, der Reiz des Unbekannten, um irgendein Risiko zu scheuen. Einmal habe ich beim Blinde Kuh spielen mit dem Knie das Kellerfenster durchstoßen. Im selben Jahr habe ich mir zweimal die linke Hand gebrochen. Mein Hang, die Dinge zu hinterfragen und mein offen zur Schau getragenes Misstrauen gegen Autoritäten machten meine schulische Laufbahn zu einem eher ambivalenten Lebensabschnitt. In der Rückschau befand ich mich öfter draußen am offenen Meer der Konfrontation als im ruhigen Hafen der Berechenbarkeit. Das traf später auf berufliche Meilensteinen genauso zu, wie auf prägende zwischenmenschliche Beziehungen. Warum das bei mir so ist? Wahrscheinlich, weil ich gerne provoziere. Ich mag es, wenn sich Situationen zuspitzen, ich suche manchmal die Eskalation, um Dinge für mich klären zu können. Und meistens geht die Rechnung auf. Denn diese radikale Vorgehensweise brachte mir in meinem Leben viele Sternstunden ein. Und ab und zu verglüht dann auch ein Stern. So wie gerade jetzt.
Vor einigen Tagen bin ich mit einem meiner Schlüsselprojekte gescheitert, eine von mehreren Unternehmensbeteiligungen, in die ich viel Zeit, Geld und Herzblut gesteckt habe. Eigentlich eine Erfolgsstory: Das Unternehmen war gut am Markt etabliert, hatte die letzen Jahre Gewinne geschrieben, im Juni dieses Jahres konnte das erste Halbjahr noch positiv bilanziert werden, und das ohne Tricks, was ja bei den kreativen Bilanzierungspraktiken hierzulande erwähnt werden sollte. Und dann völlig unerwartet eine fatale Phalanx an Ereignissen: Kunden blieben fast 100.000,00 Euro an Zahlungen schuldig, zugesagte Aufträge wurden zeitlich nach hinten verschoben, neue Aufträge konnten nicht schnell genug akquiriert werden. Die Rücklagen waren rasch aufgebraucht. Und die monatlichen Fixkosten von rund 45.000,00 Euro konnten nicht mehr bedient werden. Wer einmal ein Liquiditätsproblem in dieser Größenordnung hatte, weiß, wovon ich spreche. Und auch, wenn das Unternehmen in den letzten Monaten wieder schwarze Zahlen geschrieben hat, entschied ich mich gemeinsam mit meinem Geschäftspartner für einen klaren Schlussstrich: Wir liquidieren dieses Unternehmen!

Seit diesem Zeitpunkt mache ich eine Reihe interessanter Erfahrungen. Selbsternannte Analysten erklären mir, warum das Unternehmen gescheitert ist. Das Expertenteam setzt sich folgendermaßen zusammen: Die einen haben es schon immer gewusst, dass da auf zu großem Fuß gelebt wurde. Die anderen schreiben es pauschal der Unfähigkeit der agierenden Personen zu. Die ganz große Mehrheit hat nicht den Mut nachzufragen, was los war oder ist. Ein Quäntchen Schadenfreude ist immer dabei. Die scheint dem Analystenego gut zu tun. Eine verschwindend kleine Gruppe interessiert sich für die tatsächlichen Hintergründe, bietet Hilfe an, stärkt mir den Rücken.

In den letzten Tagen und Wochen kreisen viele Gedanken in meinem Kopf. Darüber, was es heute bedeutet, Unternehmer zu sein. Welch langen Atem man braucht. Wenn es von der Akquisition bis zur Auftragserteilung ein Jahr und länger dauert. Wenn man dann mit zig anderen Bewerbern um einen Auftrag pitcht, um ihn oft knapp doch nicht zu bekommen. Wenn Zahlungsziele statt früher 30 Tage mit 90 Tagen angesetzt werden und andere von dieser Cash Flow Politik gut leben. Wenn man bei immens hohen Lohnnebenkosten der Verantwortung für seine Mitarbeiter gerecht werden möchte. Und dabei im eigenen Unternehmen am meisten arbeitet und am wenigsten verdient. Dabei sind all diese risikofreudigen, idealistischen Unternehmen das Fundament der Wirtschaft. Hat das die Politik kapiert? Ich zweifle sehr daran.

Diesen Sommer wurde ich eingeladen, für den deutschen SPIEGEL im Rahmen eines Scheiter-Schwerpunkts einen Kommentar zu verfassen. Ich schrieb folgendes: „Eine Regel, die jeder befolgen sollte: Einmal öfter aufstehen, als man hinfällt! So haben wir alle als Kinder gehen gelernt. Laufen lernt man durch hinfallen, und eine gescheiterte Idee muss nicht das Ende aller Bemühungen sein. Gönnen wir uns selbst und anderen mehr als nur einen Versuch, und leben wir eine Kultur der zweiten Chance!“* Im letzten Jahr habe ich zwei Dutzend Vorträge im In- und Ausland gehalten und mich stark gemacht für einen offenen Umgang mit dem Thema Scheitern. Jetzt hat es einmal mich getroffen. So what? Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich Ihnen meinen unternehmerischen Bauchfleck derart unter die Nase reibe. Mein offensiver Umgang mit dem eigenen Schiffbruch ist eine ganz bewusste Entscheidung. Weil ich genug habe vom Gemauschel, vom unter den Teppich kehren, vom hämischen mit dem Finger auf jemanden zeigen, der einmal mit einem Projekt gescheitert ist. So nämlich wird das gehandhabt im Land mit der einzigen Chance.

„Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“ Das ist vom großen Bertold Brecht. Und darin finde ich mich ziemlich wieder. Ich gehe aus den Ereignissen der letzten Wochen und Monate gestärkt und reifer hervor. Wie es jetzt weiter geht? Ich werde mich in einem meiner eigenen Scheiter-Ratgeber schlau machen. Und freue mich auf neue Sternstunden.

* http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,786783,00.html

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Comments 2

  1. Lieber Gerhard Scheucher,
    Chapeau! Danke für diesen top aktuellen Beitrag zum eigenen Scheitern. Von mir wird in Bälde auch einer folgen. Noch bin ich an der Verarbeitung und im obigen Sinne auch noch an der Reifung meiner Persönlichkeit. Jetzt steht das Wundenlecken im Zentrum meines Tuns und das ist wohl genau die wertvolle Zeit des Innehaltens und Reflektierens.
    Dieses Land hat in der Tat noch viel zu lernen über den Umgang mit Fehlerhaftem. Und ich auch.
    In diesem Sinn, ich bleibe dran.
    Günter Strobl

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  2. Gerhard Scheucher

    Lieber Günter Strobl,

    vielen dank für Ihre Zeilen!

    Mit besten Grüßen,

    Gerhard Scheucher

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