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Schein und Sein

Ich bin wieder hier, aber mein Kopf ist noch dort, so könnte man meinen Gemütszustand beschreiben. Samstag morgen war ich noch in Peking, der 20 Millionen Einwohner Metropole im Reich der Mitte, heute bin ich in Peratschitzen, meiner 200 Einwohner zählenden Wahlheimat am Klopeinersee in Kärnten. Während sich Österreichs südlichstes Bundesland in den letzten Wochen von all dem politischen Müll befreit hat, scheint ein Systemwechsel in China noch lange nicht absehbar. Aufmerksame Leser meiner Blogeinträge können mir mangelnde Weltoffenheit sicherlich nicht attestieren. Ganz im Gegenteil, oft genug philosophiere ich nahezu überschwänglich über erlebte Eindrücke, über gesehene Orte rund um den Globus. 5 Tage in Peking haben nahezu das Gegenteil bewirkt. Selten habe ich mich so darauf gefreut, eine Stadt verlassen zu können. Gut in Erinnerung werden mir nur der unvergessliche Eindruck bleiben, als sich vor mir die chinesische Mauer aufgetan hat und dann noch die Steak Factory an der Oriental Plaza inmitten von Peking, wo ich das für mich beste Lachssteak gegessen habe, das jemals meinen Gaumen erfreute. Schwöre! Das ist so unsagbar gut gewesen, dass ich vielleicht dem dortigen Koch noch ein paar anerkennende Zeilen senden werde.

Wer New York City jemals als hektisch empfunden hat, der soll einmal nach Peking reisen. Er wird danach den Big Apple an der Ostküste Amerikas als Oase der Stille empfinden. Aber inmitten dieser chinesischen Menschenmenge und unter dieser enormen Umweltbelastung zu leben, muss sich unweigerlich auf das Gemüt der Leute niederschlagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist die 16.000 Quadratkilometer große Stadt, die etwas mehr an Fläche als Schleswig-Holstein hat, weltweit mit einer derartigen Feinstaubbelastung aus, die nur mehr von der mongolischen Stadt Ulaanbaatar und der iranischen Stadt Ahwaz in der Negativstatistik übertroffen wird. Aber das dient sicherlich nicht als alleinige Erklärung dafür, dass ich im politischen Zentrum Chinas eigentlich nur unfreundliche und wenig rücksichtsvolle Menschen wahrgenommen habe. Um die Umgangsformen im Schnellverfahren zu erleben, bedarf es nur des Versuchs bei einer Grünphase für Fußgänger die Straße zu überqueren. Im Normalfall hupen die Autofahrer die Fußgänger an, weil diese von ihrem Recht, die Straße zu überqueren, Gebrauch machen wollen. Ein Autofahrer bleibt auch nicht stehen, sondern vertraut darauf, dass der Schwächere Rücksicht nimmt. In dieses Bild passt ebenso eine Beobachtung, wie ein Motorradfahrer vor den Augen einiger Passanten einen Radfahrer niedergestoßen hatte und dann einfach weiterfuhr. Die Zeugen des Geschehens ergriffen keinerlei Initiative, dem verunglückten Mann zu helfen, der neben seinem verbogenen Fahrrad auf der Straße zu liegen kam. Aber er hatte Hilfe offensichtlich auch nicht erwartet, er erhob sich aus eigenen Kräften und schleppte sich mit seinem “Drahtesel” irgendwie davon.

Am Tag vor meiner Abreise ging ich an einer dieser stark befahrenen Straßen unweit der bekannten Wangfujing Shopping Street im Stadtbezirk Dongcheng entlang, als mich plötzlich eine laute Melodie richtig wachrüttelte. Die andere Straßenseite konnte ich als Ort des Geschehens ausmachen. In der Sekunde war ich hellwach, konzentriert, aufnahmefähig, meine Betäubtheit von all dem Smog und Straßenlärm war wie verflogen. Ich vernahm immer klarer einen mir bekannten Song, der über einen Bassverstärker so richtig rausgehämmert wurde. Plötzlich hörte ich unzählige Kinderstimmen, die immer nur den Refrain von Terry Jacks Welthit “Seasons in the Sun” anstimmten. Ich ging hinüber und stand vor einer Schule. Das Gebäude war von hohen Mauern umgegeben und die Tore waren uneinsehbar. Nur durch einen schmalen Spalt konnte ich ein paar kleine Gestalten wahrnehmen, die in Einheitsuniformen zur dröhnenden Musik tanzten. Kein Drehbuch hätte dieses Szenario besser erfinden können. Es hatte etwas vollkommen Absurdes an sich, willentlich dem Schein der heilen Welt mit allen Mitteln gerecht werden zu wollen. Ein heruntergekommenes Gebäude in einer eher bescheidenen Ausformung diente als Kulisse. Das Licht war diffus, weil die Sonnenstrahlen die Smogglocke über der Stadt kaum durchdringen konnten. Auf der Straße vor dem Schulgebäude stauten sich die hupenden Fahrzeuge durch die morgendliche Rush Hour, während im Hof die Kinder immer und immer wieder mit Inbrunst den Refrain “We had joy, we had fun, we had seasons in the sun” des Hitparadenerfolges aus dem Jahr 1974 mit voller Begeisterung sangen. Diese trügerische Sequenz wird mir als Metapher für die Diskrepanz zwischen Schein und Sein mit Sicherheit in meiner Globetrotter-Erinnerung bleiben.

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