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Rettet den Herrenwitz!

Waren das noch Zeiten, als es Harald Schmidt im Free TV gegeben hat! Höhepunkt vieler Sendungen waren Klassiker des Herrenwitzes, genial und ohne jede Aufdringlichkeit rezitiert von Charly Wagner, einem ehemaligen WDR-Nachrichtensprecher. Wenn sich die Kameras auf ihn gerichtet hatten, erblickte der Zuseher einen stattlichen Mann, der im Stile eines Märchenonkels im Ohrensessel sitzend, im gedämpften Licht auf seinen Auftritt wartete. Er hielt ein großes, in Leder gebundenes Buch in seinen Händen und trug die eine oder andere Zote, wie die fachlich richtige Kategorisierung dieser Witze genannt wird, fachkundig, unaufgeregt und gekonnt vor. Sie waren eines, die “Klassiker des Herrenwitzes”, und sein Interpret eine verschmolzene Symbiose der “verbalen Schlüpfrigkeit” für den Zuseher.

Seit einigen Tagen bin ich um den guten alten Herrenwitz wirklich in Sorge! Da geht eine 29jährige Enthüllungsjournalistin auf nächtliche Pirsch an eine Hotelbar und versucht mit einer Reaktionszeit von mehr als einem Jahr einen 67jährigen “Polit-Womanizer” das Handwerk zu legen. Gut so, Männer die Frauen nicht mit dem gebührenden Respekt behandeln, sollen selbstverständlich eines über die Rübe bekommen, meine ich mal bildlich gesprochen! Aber eine Geschichte mit “Herrenwitz” zu betiteln, wo der Täter gerade mal ein paar Ansagen gemacht hat, die eher auf einen Kindergeburtstag passen, als in die Abteilung “Herrenwitz”, das geht gar nicht. Jetzt ist schon klar, dass der herbeigeschriebene “Bösewicht” die Gefühle dieser jungen Frau schwerstens irritiert hat, als er sie in eine Tracht stecken wollte und sich dann noch angemaßt hat, ihr einen Handkuss anzutragen. Und wenn man sich jetzt vorstellt, dass dieser biedere Rheinländer nun in einer Reihe mit “Politik-Sexmonstern” wie Dominique Strauss-Kahn und Silvio Berlusconi steht, ist das eine weitere besondere Facette dieser Story. Aber das nächtliche Geplappere des liberalen Hoffnungsträgers als “Herrenwitz” zu bezeichnen, entwürdigt diese Form der pointierten Erzählung. Was soll sich Charly Wagner jetzt denken, der so viel an Aufbauarbeit für dieses Genre der humorvollen Erzählung auf erotischer Basis in den letzten Jahren geleistet hat? War alles umsonst, beginnt der gepflegte “Herrenwitz” jetzt schon dort, wenn einem in der Leistengegend von weiblichen Huftieren sitzendes Organ die Körbchengröße eines Büstenhalters zugewiesen wird?

Das, was hier betrieben wird, ist die Verniedlichung einer gesamten Witzkategorie! Dagegen gehört eigentlich protestiert! Das sollte zum Gegenstand von Talk-Shows gemacht werden. Wenn das der neue Maßstab ist, der hier vom Boulevardmagazin mit dem Stern festgelegt wurde, dann werden “Herrenwitze” künftig noch als Schlafmittel rezeptfrei verabreicht. Die “Herrenwitze” oder umgangssprachlich “Zoten” genannt, sind seit Ende des 15. Jahrhunderts ein kultureller Bestandteil der unterhaltsamen Konversation, seit sie in erster Linie beim Nürnberger Fastnachtsspiel vorgetragen wurden. Der Duden definiert diese Kategorie der Unterhaltung als derben, obszönen Witz. Daran merkt man, dass auch das erstmals am 7. Juli 1880 von Konrad Duden veröffentlichte und ursprünglich orthografische Wörterbuch eine Haltung eingenommen hat, die der den Beurteilungen des Geschehens im 21. Jahrhundert ähnlich ist. Wäre da nicht Sigmund Freud gewesen, der als Neurologe, Tiefenpsychologe und Religionskritiker und als der Begründer der Psychoanalyse weltweite Bekanntheit erlangte. Die erste wissenschaftliche Definition dieser Witz-Kategorie stammt von den am 6. Mai 1856 im damaligen Mähren geborenen Mann, der zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Freud erläutert laut Wikipedia darin seine Ansicht, „dass die Zote primär dem Ziel dient, dass der Erzähler sein eigenes (meist sexuelles) Interesse auf den Hörer verlagern kann, ohne soziale Sanktionen befürchten zu müssen”. Ich frage mich gerade, was die Erzählerin im “Stern” bewirken wollte, nach mehr als einem Jahr Reaktionszeit? Aber wenn Freud als unangefochtene Instanz gilt, dann sei mir doch die Frage erlaubt, wer in diesem Fall eigentlich vom Bock zum Gärtner wurde.

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